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Normcore oder wie der Hipster dem Individualitätsverdruss trotzt.

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Der so genannte Normcore ist momentan in aller Munde. It-Girls, Fashionblogger and andere wichtige Modemenschen präsentieren sich seit geraumer Zeit gerne in faden Outfits, die so stinknormal sind, dass es fast schon ein wenig anmaßend wirkt, die Zusammenstellung der dafür geeigneten Kleidungsstücke als „Outfit“ bezeichnen zu wollen. Doch es gibt kein Entrinnen, denn wer diese Modesaison mit dem Trend gehen möchte, kehrt zurück zu einer Normalität, die so Hardcore durchgezogen wird, das es fast schon ein wenig weh tut: Die Norm ist hip, unauffällige Einfachheit wird zum letzten Schrei und Steve Jobs zur Stilikone!

Berichtet wurde über den modischen Drang zur Kaufhaus-Durchschnittlichkeit auch in allen wichtigen Onlinemedien. Ausgeschriebenes Ziel ist es laut diesen auf bekleidungstechnische Individualität zu pfeifen und in der Masse unterzugehen. Geeignet sind dafür unaufregend, – um nicht zu sagen schlecht – geschnittene Jeans, Chino- oder Bundfaltenhosen gepaart mit Kurzarm(!)hemden, Hoodies und gerne auch so famose Dinge wie Fleecegilets (ja die gibt es anscheinend immer noch). Erlaubt ist alles, was nach amerikanischem Klischeetouristen aus Wisconsin aussieht. Macht was ihr wollt, nur nicht auffallen, so das derzeitige Kredo der Modebranche.

Der Begriff Normcore ist eine Mischung aus normal und Hardcore und wurde von der amerikanischen Trendagentur K-HOLE für ihren Bericht „Youth Mode. A Report on Freedom“ geschaffen. Ihre Überlegungen starten bei der Beobachtung, dass in der heutigen Gesellschaft jeder versucht etwas Besonderes zu sein, denn nichts scheint schlimmer als der Mainstream. Wir sind daher ständig auf der Suche nach Dingen, die unsere Individualität unterstreichen. Das Internet und die Globalisierung würden uns hier aber einen Strich durch die Rechnung machen.

Denn: ganz egal, ob wir wollen oder nicht, durch die permanente weltweite Vernetzung führen Trends schlagartig zur Gruppenbildung, die schließlich in einem einzigen großen Massenphänomen enden. Wir sind also dabei uns immer mehr aneinander zu orientieren. Diese kollektive Suche nach der je persönlichen Besonderheit resultiert daher in so etwas wie einer „Massenindividualität“. Mit dieser Individualität der Masse geht zwar Vielfalt einher, das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie kein knappes Gut wäre. Es gäbe nur eine limitierte Anzahl an Vielfältigkeiten auf der Welt sagt K-HOLE. Dass die Jagd nach der ganz besonderen Individualität zudem nicht nur einige wenige betreiben, sondern der Mainstream davon betroffen sei, mache ein knappes Gut wie die Diversität nur noch knapper.

Der Inbegriff einer solchen Individualität der Masse ist das wahrscheinlich jetzt schon am meisten diskutierte Lifestylephänomen des 21. Jahrhunderts: das Hipstertum. Die Bezeichnung Hipster wurde meist spöttisch gebraucht und die Subkultur an sich als relativ lächerlich angesehen. Warum? Weil der Begriff des Hipster auf genau jene Menschen angewandt wurde, die glaubten sich fernab vom Mainstream zu bewegen und unglaublich viel Wert auf Einzigartigkeit legten. Mit Hipstern sind also all jene gemeint, die nicht – wie der Normcore es fordert – normal sein, sondern sich lieber abgrenzen wollen. Durch die weite Verbreitung der Subkultur ging das Ideal der Individualität aber verloren, bevor es der Einzelne auch nur im Ansatz erreichen konnte. Röhrenjeans, Beanie und der mit einem Clubmate oder I-phone befüllte Jutebeutel wurden zur Alltagsuniform einer Masse, die vieles wollte außer ein Herdentier zu sein, das sogar mit einem eigens für sie erschaffenen Begriff in eine Schublade gesteckt und allein dadurch beschimpft werden konnte.

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Da der gesellschaftliche Wunsch nach Individualität also von vornherein zum Scheitern verurteilt war, plädiert K-HOLE nun dafür, gar nicht erst den Versuch zu starten etwas Spezielles sein zu wollen, liefert sogleich die Lösung dieses Dilemmas und gibt ihm den klingenden Namen „Normcore“. Normcore verzichte auf die Freiheit „ein Jemand“ werden zu wollen und bewegt sich weg von einer Coolness, die auf der Hervorhebung von Unterschieden beruht hin zu einer Post-Originalität, in der man sich für Gleichheit entscheidet. Man entzieht sich also der dem Individualismus hinterherwuselnden Masse und entscheidet sich bewusst dafür „gleich“ zu sein. Gleich bedeutet dabei normal, wobei normal als nicht definierbar angesehen wird.

Normcore greift die Hipster also einerseits an und führt sie gleichzeitig aber auch in ihre ganz persönliche Höchstform. Ich denke, das Aufbegehren gegenüber dem Mainstream wird einzig und allein in der Hoffnung aufgegeben nicht mehr länger sein eigenes Hassobjekt – denn kein Hipster würde je von sich behaupten einer zu sein – und das Lieblingsopfer des Hohns all jener, denen Mode und Lifestyle schon immer relativ schnuppe war, zu sein. Vor allem aber gerade auch modisch betrachtet, ist der Normcore Hipstertum in Perfektion.

Hipster wurden beinahe ausschließlich über ihr äußeres Erscheinungsbild als solche identifiziert, denn Hipstertum und Modebewusstsein liefen von Beginn an Hand in Hand. Jene für die eine Einordnung in das Schema Hipster wirklich gepasst hätte, lehnten dies als oberflächlichen kulturellen Mythos ab. Ihnen ging es um mehr, als nur darum, ein momentan gerade angesagtes Outfit zu tragen oder einen bestimmten hippen Lifestyle vorzuführen. Da das Hipstertum aber nicht nur in eine Generation, sondern gar in eine ganze Gesellschaft, die sich durch ein höheres Modebewusstsein als alle vorangehenden auszeichnete, hineingeboren wurde, ist es nur logisch, dass früher oder später die Erkenntnis kommen musste, dass der wahre Weg zur individuellen Freiheit in der Norm liegt. Wenn sich alle plötzlich modeaffin geben, liegt der einzige Ausweg für die Individualismusliebenden in der Norm.

Das hat eine Gruppe heller Hipsterköpfe in der Agentur K-HOLE schön langsam erkannt und mit der Ausrufung des Normcore ein Phänomen erschaffen, dass sich die Modeindustrie in Windeseile unter den Nagel gerissen hat. Schuld daran sind sie aber eigentlich selbst, denn wenn eine Trendagentur, einen Anti-Trend erfolgreich viral verbreitet, ist ja wohl klar, dass dieser mindestens so schnell zum Trend wird wie hippe Individualitätsbestrebungen sich im Vorfeld zur Massenerscheinung gemausert hatten.

Letzten Endes ist Normcore für mich daher sowohl ein soziologisches als auch ein modisches Phänomen, das sich am Ende selbst auffrisst. Normcore ist ganz einfach ein propagierter Anti-Trend, der zu einem neuen Trend geworden ist.

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Mir soll das aber Recht sein, denn obwohl ich Mode liebe und sie sehr wohl ein Stück weit als Ausdruck meiner Individualität verstehe, ist es manchmal echt schwer in diesem ganzen Modezirkus den Überblick zu behalten und sich dabei selbst nicht zu verlieren.

Wenn man mich fragt, so hat sich die Mode der vergangenen Jahre vor allem durch etwas ausgezeichnet: individuelle Willkür! Ganz gemäß dem Motto „anything goes“ wird da beispielsweise ein Designerpullöverchen aus Kaschmir (von dieser Ziege) unter einer Blaumann anmutenden Latzhose getragen. Unterschiedlichste Prints werden wild gemischt und erstrahlen am Besten noch in Augenkrebs hervorrufenden Neon, nur um das Ganze eine Saison später wieder durch zarte Pastelltöne abzulösen. Jeanshemd zu Jeanshose geht seit geraumer Zeit als unbedenkliche Kombi durch und Wollsocken in Sandalen dazu sind zwar noch nicht Standard, aber stellen schon lange keine tabuisierte Trageweise, die gerne spießigen Urlaubern nachgesagt wird, mehr dar. Auch Turnschuhe erleben jetzt schon eine ganze Weile ihren zweiten Frühling, ersetzen der breiten Masse das bisherige Alltagsschuhwerk und werden deswegen auch gerne mal zum klassischen Kostüm oder schickem Mantel kombiniert… Diese Liste könnte noch ewig so weitergeführt werden, denn die (scheinbare) Beliebigkeit ist in der Mode längst zur Masche geworden.

Aber: Outfit-technisch quasi alles zu können und dabei nur eines nicht zu dürfen und zwar langweilig-normal zu sein kann auch für passionierte Modemädchen wie mich manchmal ganz schön ermüdend sein. Deswegen proste ich ein Hoch auf die modische Auszeit und rate die ganze Normcore-Sache so lange zu genießen wie es geht, denn, wenn ich eines gelernt habe, so ist es, dass Trends verdammt flüchtig sind. Also rein in die gemütlichste Jeans, das unspektakulärste T-Shirt und die bequemsten Sneakers, die mein Kleiderschrank so hergeben, denn der Glamcore steht bestimmt schon an der nächsten Ecke und wartet auf seinen großen Auftritt!

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2 Kommentare zu “Normcore oder wie der Hipster dem Individualitätsverdruss trotzt.

  1. Hallo! Kann mich da nur deiner Meinung zum Schluss anschließen und bin gerade auch froh um ein bisschen innerer Frieden im hauseigenen Kleiderkasten, mal schauen was sonst so bald auf uns zukommt.

  2. Und wenn es nicht de Glamcore ist, ist es der Marinechic pünktlich zum Sommer oder das erneute Revival der 80 er :D
    Spaß beiseite: Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen und schließe mich da meiner Vorrednerin nur an: Es gibt Klamotten in meinem Kleiderschrank, die betteln nur danach, endlich wieder getragen zu werden. Aber anything goes? Ich muss zugeben, es gibt für mich trotzdem noch das ein oder andere Tabu, welches ich vermutlich nie überschreiten werde – wie die Wollsocken in Sandalen…

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