GEDANKENSPIELE/Generation Y/Liebe & Freundschaft

Love is all you need. Oder vielleicht doch nicht?

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„Warum sind wir immer noch alleine? Was machen wir eigentlich falsch?“

Genau darüber habe ich mich kürzlich mit guten Freunden unterhalten. Auf das Thema gekommen waren wir, als uns im Gespräch plötzlich bewusst geworden war, dass unsere Eltern in unserem momentanen Alter die Familienplanung fast schon abgeschlossen hatten, während wir noch nicht mal jemanden im Auge haben, mit dem wir sonntags gelegentlich Händchen haltend im Bett frühstücken oder ähnlich tollen Pärchenquatsch machen könnten oder wollten. Doch gehen wir an die Frage doch mal anders heran: Warum stresst uns länger andauerndes Singledasein so? Warum bilden wir uns eigentlich alle ein als „wir“ endlich das vollkommene Glück zu finden? Warum ist „Liebe“ so etwas Essenzielles?

Besonders schön bewusst gemacht wird mir persönlich mein Singlestatus in letzter Zeit vor allem dadurch, dass sich mein virtuelles Postfach seltsamerweise mit gefühlten 100 Newslettern für romantische Reisen ins sommerliche Rom oder den supergünstigen Trip für zwei nach New York anfüllt. Während ich es schon gewohnt bin alljährlich knapp vor dem 14. Februar nur noch müde zu lächeln, wenn alle Schaufenster mit Herzen übersäht sind und mich die Kassiererin im Drogeriemarkt freundlicherweise auf den neuen Herrenduft für meinen nicht vorhandenen Partner aufmerksam macht – man sieht mir ja nun verdammt noch mal wirklich nicht an, dass ich allein durchs Leben marschiere -, verwundert es mich doch sehr, dass die ganzen Onlinestores und Reiseunernehmen, die dank Spionage auf Facebook und Co. doch bestimmt längst ein ach so gut passendes Kundenprofil meiner Person erstellen konnten, das anscheinend immer noch nicht gerissen haben!

MjAxMy02M2U2ZWJlOTIxMTJmOTg4_50f7dd62e77fbAber naja daran bin ich dann wahrscheinlich auch wirklich selber Schuld, lasse ich das soziale Netzwerk ja nach wie vor seit Jahren im Unklaren über meinen aktuellen Beziehungsstatus. Darüber hatte ich letztens dann auch eine hitzige Diskussion mit meiner Arbeitskollegin A., die da meinte, das könne man doch ruhig angeben. Wenn ich mich schon immer noch zieren würde, mich auf Tinder zu registrieren, so solle ich mir doch zumindest die über andere Wege mögliche Flirterei im Web etwas erleichtern. Bei mir sei es doch ohnehin auch mal wieder an der Zeit für etwas Neues. Das mag sein, aber davon sich auf Facebook kennenzulernen halte ich nun mal eben genauso wenig, wie von der immer noch weit verbreiteten Unsitte, dass Menschen ihren gesamten Facebook-Freundeskreis an den Ups und Downs ihrer Beziehungen, Friends-with-Benefits-Stories oder gar ihrer gelegentlichen Wochend-Liebeleien teilhaben lassen.

largeBesagten Personen mitzuteilen, dass man nicht in regelmäßigen Abständen mit Knutschfotos aus allen nur erdenklich möglichen Kameraperspektiven und ähnlichen öffentlichen Liebesbeweisen versorgt zu werden wünscht, ist dann aber gar nicht so einfach, wie mir mein guter Freund F. letztens mitgeteilt hat, nachdem ich auf seinen Like für „The best sign of a healthy relationship is no sign of it on facebook“ ein großes Fragezeichen geschickt hatte. Schnell wird man dann nämlich in die Schublade „verbitterter Single“, der anderen ihr Glück einfach nicht gönnt, gesteckt. Oder noch schlimmer: man bekommt den Mitleidsblick, auf den ansonsten nur vom Aussterben bedrohte Pandababies ein Vorrecht haben, gepaart mit neunmalklugen tröstenden Sätzen wie „Jeder Topf findet seinen Deckel!“.

Und genau in Sprüchen wie diesen liegt der Hund begraben, denn vielleicht sind manche unter uns ja doch einfach auch mit dem gelegentlichen Gebrauch von Frischhaltefolie zufrieden und die ganz Harten sind nun mal einfach Woks. Was soll daran denn bitte falsch sein? Frischhaltefolie ist eine grandiose Alternative und Wokpfannen sind für so manche Kochweisen einfach besser geeignet als die guten alten Töpfe. Trotzdem werden die Topf-Deckel-Kombinationen, die hier – solltet ihr das noch nicht gecheckt haben – für die romantischen Zweierbeziehungen stehen, im Allgemeinen nach wie vor als die ideale Norm angesehen und alles, was davon abweicht, wird in unserer Gesellschaft als Mangel erfahren. Akzeptiert wird dieser mangelhafte Single-Status vor allem in jungen Jahren, wenn man sich noch die Hörner abstoßen muss und das dann bitte aber gefälligst auch tun soll, denn was wäre sonst der Sinn dahinter, sich schlussendlich doch  mehr oder weniger jeden Abend allein in die Nachtruhe zu begeben? Auch als vorübergehende Wartephase, in welcher man sich aber am Besten physisch und psychisch für den Liebesmarkt und die nächste Beziehung optimieren soll,  geht das Single-Dasein mit unseren Vorstellungen noch konform. Warum? Weil der eben erwähnte Single-Typus unser einziges höheres Ziel im Leben, den Sinn und Zweck, der zum endgültigen Glück führen soll,  sprich die romantische Zweierbeziehung, nicht zu bedrohen vermag.

Beauty-and-the-Beast„Love is all you need“ wird uns schon im allabendlichen Märchen von Kindesbeinen an eingetrichtert: Prinzessin wird von Prinz gefunden und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende. Es ist uns also nicht vorzuwerfen, dass wir die Suche nach der besseren Hälfte als den wahrscheinlich natürlichsten menschlichen Urtrieb ansehen und alternative Lebensformen vielfach gar nicht erst in Betracht ziehen, geschweige denn als gleichwertig betrachten. Denn: in unserer paarnormativen Gesellschaft gilt es als anormal kein Paar zu sein oder kein Paar sein zu wollen. Das Paar stellt die absolute Norm dar. So habe ich mich kürzlich selbst dabei ertappt, ganz überrascht festzustellen, dass mein Freund M., auf meine Nachfrage hin, was den eigentlich so mit den Ladies laufe, einfach kurz und bündig und ohne jeglichen Wehmut oder Verdruss mit „Nichts. Ich habe so viel Arbeit und wenn ich dann mal frei habe, bin ich ehrlich gesagt ganz gern gern allein und mache mal nichts.“ geantwortet hat.

Das Alleinsein zu genießen, passt oft nicht in unser Weltbild. Die gängige pärchenzentrierte Sichtweise findet Ausdruck in den verschiedensten Ausformungen unserer massenmedialer Welt und hält die Wirtschafts- und Konsumwelt in Schwung. Ganze Berufsbranchen verdienen sich eine goldene Nase am Paar: Liebesspezialisten, Psychologen, Paartherapeuten, Singleratgeber, Schriftsteller, Filmemacher und so weiter. Sie alle verstärken durch ihre Dienstleistungen oder künstlerischen Erzeugnisse den Wunsch funktionierender Teil eines Paares zu sein.

996Am besten verdienen tut daran aber immer noch der Nationalfeiertag der Paare: der Valentinstag, der laut der gängigsten Überlieferung im Übrigen auf den heiligen Bischof Valentin von Terni, der verbotenerweise Liebespaare traute, zurückgeht. In jüngster Zeit scheint er aber mehr Singles in Aufruhr als Paare in Verzückung zu versetzen. Schon seit Jahren schmieden einige meiner alleinstehenden Freundinnen eifrigst Pläne, was am Valentinsabend unternommen wird. Die Freizeitgestaltung reicht vom Partymottoabend „Valentines Day Blah Blah Blah Drink“ über Adele rauf und runter hören, sich selbst bemitleiden und dazu heulen bis hin zum Vorhaben ins Kino zu gehen und die Scheiß-Paare mit Popcorn zu bewerfen. Da ist dann auch wirklich für alle armen einsamen Seelen unter uns bestimmt das passende Programm dabei, das alles tut, nur eines nicht und zwar uns davon abzulenken, dass wir eben nicht in einer romantischen Zweierbeziehung stecken.

Wir können auch versuchen uns – bestätigt durch Rolf Haubl, den Direktor des Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt – einzureden, dass große Liebesgefühle nur das Resultat einer gekonnten Inszenierung oder wir letztendlich ganz einfach Sklaven unserer Sexualhormone sind. Weiters könnte uns beruhigen, dass die romantische Liebe ohnehin erst im Zuge der aufstrebenden Bürgerlichkeit im Laufe des 18. Jahrhunderts erfunden worden ist und uns dank Michael H. Wiegland, Diplompsychologe und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der TU München, wissenschaftlich erwiesen ist, dass der optimale Schlaf jener ist, bei dem wir ganz alleine liegen. Alle diese Fakten nützen nun mal aber rein gar nichts in einer von Pärchentum geprägten Gesellschaft.

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Ein Ausspruch des französischen Moralisten La Rouchefoucauld bringt das Dilemma vom größten Glück auf den Punkt: „Manche Menschen wären nie verliebt gewesen, wenn nicht immer so viel von der Liebe die Rede wäre“. Da ist irgendwie was dran, oder? Und wie diese Liebe, wenn es sie denn gibt, im Idealfall letztendlich auszusehen hat, wird uns konservativen vom Land kommenden Sprösslingen auch von Klein auf tagtäglich immer wieder eingeimpft: Vater, Mutter, Kind(er), evtl. ein Hündchen und ein Haus im Grünen. Einen Menschen zu finden mit dem das alles gut klappen kann, ist ein ziemlich hoch gestecktes Ziel in einer Welt, die mir schon alleine bei so alltäglichen Dingen wie dem Kauf eines simplen Kaffees überfordernd viele Optionen bietet. Denn auf dem Liebesmarkt sind die Möglichkeiten nicht weniger weitläufig als im Kaffeehaus meines Vertrauens.

Eine zunehmende Anzahl an Möglichkeiten bedeutet aber auch eine zunehmende Anzahl an Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit ich überhaupt mal jemanden so richtig kennenlernen möchte. Und wenn es dann so weit sein sollte, so bleibt die Gefahr, dass morgen schon etwas Besseres um die Ecke gelaufen kommt und dann entweder ich selbst oder die Person, auf die ich mich gerade mit Haut und Haaren eingelassen habe, weg ist.

ae118f1bbec50dcc02e2b74677d06e76Also fahren wir alle doch lieber weiterhin die sichere Schiene, bleiben auf Distanz, wollen einfach nur Spaß und entschuldigen das Ganze damit, dass wir eben hohe Ansprüche haben oder das Timing leider gerade so gar nicht passt. Vielleicht fassen wir uns irgendwann aber dann doch auch mal ein Herz und nehmen uns unsere Eltern zum Vorbild: denn, wenn die ihre Anforderungen auch nur halb so hoch gesteckt hätten wie wir, würde es uns alle sehr wahrscheinlich schlichtweg gar nicht geben. Vielleicht sind wir aber auch viel besser dran, wie unsere werten Erzeuger, weil wir in einer anderen Zeit und irgendwie wahrscheinlich auch in der egoistischen Generation aller Generationen leben, uns nach Lust und Laune auch einfach nur auf uns selber konzentrieren können und dabei dann aber bitte nicht ständig rumjammern sollten, warum wir immer noch alleine sind. Liebe ist was für die Mutigen! Aber vielleicht ist es noch viel mutiger, sein Lebensglück nicht davon abhängig zu machen, ob man die oder den Einen jemals finden wird.

You get what you focus on! Jetzt müssen wir uns dann also nur noch klar werden, was wir in diesem Leben letzten Endes wirklich wollen. Einfacher gesagt als getan.

3 Kommentare zu “Love is all you need. Oder vielleicht doch nicht?

  1. Schwieriges Thema an das du dich da herangewagt hast. Da gibt es wie du sagst zu viele Standpunkte. Etwas das ich gelernt habe ist sich immer selber treu zu bleiben und die Entscheidungen für sich zu treffen. Wie du sagst sind wir alle Egoistisch bzw. wissen einfach manchmal besser uns selber zu unterhalten, was ich gut verstehen kann. Ich bin zwar auch schon länger in einer Beziehung habe aber trotzdem noch sehr viel Zeit für mich, da wir beide viele Hobbys haben, und das brauche ich auch. Mal ein paar Stunden „Mädels“ Sachen erledigen, oder einfach nur blöd rumzuliegen, Dinge für sich zu machen- das ist wahrscheinlich ein Luxus den unseren Eltern nie kennengelernt haben und wir nun umso mehr ausleben. Jede Lebensweise ist toll wenn man sich wohl fühlt. Ein Freundeskreis in dem man sich geborgen fühlt und tolle Menschen um einen rum können uns so erfüllen, dass der „Wunsch“ nach einem Partner gar nicht erst aufkommt. Ich finde schlussendlich sind wir ALLE für unser Glück selber verantwortlich und können unser Leben so gestalten wie wir wollen, ALLES ist toll solange es uns gut geht!

  2. Ebenfalls angelehnt an Sex and the City habe ich heute in meinem Blog meine Leser zu ermutigen, ihre Lebensqualität nicht von einem „Seelenverwandten“ abhängig zu machen. Natürlich ist die Liebe schön aber wieso wird sie als so zwangsläufig notwendig von der Gesellschaft verstanden?

  3. Pingback: 365 Tage diebloggerin – ein Fazit | die bloggerin

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