GEDANKENSPIELE/Medien & News

Juhuu, der [kraʊd]salat ist da!

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Die Seite der Krautreporter am Freitag © Krautreporter

Die Krautreporter können nun loslegen. Gestern haben sie es geschafft, die Grenze von 15.000 Abonnenten geknackt und damit 900.000 Euro gesammelt, mit denen sie sicher stellen wollen, ihre Leserschaft ein Jahr lang mit unabhängigem Journalismus in reinster Form zu versorgen. Das bedeutet keine Finanzierung über Werbeeinnahmen, sondern rein über Leser und Leserinnen, die bereit sind für täglich vier ausführliche möglichst multimediale Beiträge zu relevanten Themen, jeden Monat fünf Euro springen zu lassen.

Warum man sich ein solches Abo leisten sollte, wenn man sich doch auch jeden Tag gratis durch sämtliche Online-Auftritte aller großen Zeitungen lesen kann, fragt ihr euch? Die Antwort darauf ist simpel und tut deswegen nicht weniger weh: der Online-Journalismus ist kaputt! Die Menschen hinter dem Crowfunding-Projekt präzisieren dieses erschütternde Statement auf ihrer Homepage folgendermaßen:

Weil vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten. Weil niemand mehr den Überblick behalten kann, wenn die Welt nur noch in Eilmeldungen erklärt wird. Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss. Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet.

Entgegen halten wollen sie dem mit richtig gutem Journalismus und versprechen uns die großen journalistischen Darstellungsformen von Reportagen über Porträts bis hin zu Erzählstücken. Ein wichtiges Augenmerk soll dabei vor allem auf fundierte Recherche und auch auf vernachlässigte Themen bzw. Themenaspekte gelegt werden. Hintergründe zu beleuchten und Komplexität zugunsten der Lesefreundlichkeit nicht zu reduzieren, sondern diese viel mehr verständlich zu machen, ist etwas das Zeit braucht. Zeit, um Zusammenhänge herzustellen und unsere Welt zu verstehen, ist aber leider eine Sache, die im gegenwärtigen Onlinejournalismus oftmals einfach nicht da ist, weil sie darin investiert werden muss durch Sensationshascherei, möglichst viele Klicks zu erzeugen, um für Werbekunden interessant zu bleiben.Krautreporter sagt: Tschüss Klickoptimierung und Werbefinanzierung, hallo gute Hintergrundgeschichten!

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Künstler: Goin, 2013 – Stadt: Athen © Goin

Und zu berichten gibt es einiges: denn, dass die Liste an blinden Stellen in der Medienlandschaft relativ lang ist, versuchen auch Organisationen wie die Initiative Nachrichtenaufklärung schon seit vielen Jahren aufzuzeigen. Ich hoffe daher, dass die Krautreporter in Zukunft mit viel Tiefgang auch oft über jene Dinge berichten, für die es den großen Medienhäusern ja anscheinend an Zeit oder Relevanz fehlt. Um es an einem gerade aktuellen Beispiel festzumachen: es ist ganz schön traurig, dass wieder einmal der mehr oder weniger unglücklich gewählte Austragungsort der Fußball-WM entscheidend dafür werden muss, ob über Gewalt, Korruption und Armut in einem Entwicklungsland berichtet wird. Dass nämlich beispielsweise Straßenkinder in Brasilien nicht erst, wenn vielleicht auch seit der WM in verstärktem Ausmaß, „aus dem Weg geschafft werden“, habe ich als Neunjährige bei der Lektüre des Kinderbuches „Isabel – ein Straßenkind in Rio“ von Mecka Lind auf viel drastischere Weise erfahren als in der gesamten Medienberichterstattung der letzten Jahre. Manchmal lehrt einem ein Roman von 1995 hinsichtlich dem Vorhandensein bestimmter gegenwärtiger Ereignisse anscheinend also mehr als die ach so objektive internationale Berichterstattung der vergangenen paar Jahre. Es bleibt daher zu hoffen, dass wir dank der Krautreporter über ähnliche mit Ignoranz gestrafte Themen, aus welchem Bereich und in welcher Form auch immer, informiert werden.

Was im Übrigen für die Krautreporter spricht, ist, dass die 28 freien Redakteure und Redakteurinnen von der gesamten Journalistenszene zumindest rein informationell – natürlich gab es auch kritische Stimmen – Unterstützung bekommen haben. Es wurde in den letzten Wochen täglich in allen großen Medien über das Vorhaben der Gründung dieses unabhängigen Online-Magazins berichtet. Das allein steht meiner Meinung nach für die Notwendigkeit der Idee an sich und fungiert gleichzeitig als Stimmungsbarometer der Journalistenszene und Medieninteressierten: guter Journalismus hat noch immer sehr viele Fans! Diese Fans finden sich nicht zuletzt in den Redaktionen jener (Online-)Medien, die von den Krautreportern angegriffen werden. Denn: niemand wird Journalist, um im Endeffekt immer öfter für Einfluss nehmende Politiker mehr oder weniger gut verschleierte PR-Artikel zu schreiben oder sich für Großkonzerne in der geschickten Platzierung von Schleichwerbung zu üben. Das Journalismus aber oftmals genau so läuft, wird einem aber schnell klar, wenn man – so wie ich und einige meiner StudienkollegInnen- seine ersten praktischen Erfahrungen in der Medienbranche sammelt um am Ende des Tages viel zu oft desillusioniert nach Hause zu gehen.

Krautreporter nennt neun wichtige Gründe, warum man sie unterstützen sollte. Den zehnten kann man für sich selbst bestimmen. Meiner lautet:

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Journalismus hat sich in seiner reinsten Form schon immer an die Leser und Leserinnen gerichtet und inwiefern es gelingen wird dieses Ideal aufrecht zu erhalten, liegt daher auch bei diesen. Sie sind es, von denen ein unabhängiger Journalismus abhängt. Denkt mal drüber nach!

 

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