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What’s on your mind?

In den letzten Tagen hat sich der seit dem 2. Juni bei Youtube von drei norwegischen Brüdern hochgeladene Kurzfilm „What’s on your mind?“ zu einem regelrechten viralen Hit entwickelt und verzeichnet aktuell über fünfeinhalb Millionen Klicks. Der Film der Gebrüder Highton zeigt am Beispiel des Hauptdarstellers Scott Thomson, wie groß der Unterschied zwischen dem echten Leben und der gekonnten Inszenierung dessen auf Facebook sein kann. Scotts Timeline ist voll mit diversen Urlaubsfotos von den schönsten Orten der Welt, Foodpics, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen und so glücklich wirkenden Pärchenselfies, dass man unweigerlich dazu neigt, die Familienpackung Ben & Jerry’s aus der Tiefkühltruhe zu fischen und sie – auf dem Sofa unter einem Berg Taschentüchern vergraben – ganz alleine in sich hineinzuschaufeln. Scott macht das nicht, sondern beschließt ganz einfach sein virtuelles Leben nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“ ordentlich aufzumöbeln: Eigentlich geht seine Beziehung gerade den Bach hinunter – Scott gibt sich glücklich und schmückt seinen Status mit Herzen aus. Seine Freundin lässt ihn für ihren neuen Kerl sitzen – Scott stellt sich als freiheitsliebender Partygänger dar. Im Job läuft es mehr schlecht als recht, Scott wird gefeuert und postet „Quit my dead-end job“ und „#followyourdreams“ während er untätig und einsam vor seinem Computer sitzt.

i thinkUntertitelt haben die Highton-Brüder den Film mit „Facebook can be depressing because everyone else’s lives are better than yours… But are they really?“ Er soll uns zum Nachdenken darüber anregen, wer wir oder was unser Leben wirklich ist und wie das Ganze für soziale Netzwerke gewissermaßen adaptiert wird. Damit sorgt das kurze Video wie auch schon der von Regisseur Gary Turk gehypte „Look Up“-Clip, der die „Generation Smartphone“ auffordert die Handys auszuschalten und in die Realität zurückzukehren, für Aufmerksamkeit.

Natürlich ist das Video extrem überspitzt, aber es hat dennoch einen sehr wahren Kern und beschreibt unsere immer mehr in der Onlinewelt lebende Like-geile Gesellschaft ganz gut. Geteilt wird nur das, was bei der eigenen Netzwerk-Gemeinde gut ankommt. Passiert ist generell nur das, was fotografiert und mit dem richtigen Filter überzogen ins Netz gestellt wird. Partyabende oder Urlaube, die nicht über Facebook, Instagram und Konsorten festgehalten wurden, hat es quasi nie gegeben. Wenn das kleine blaue f nicht weiß, dass mein Essen 1:1 wie aus dem Kochboch ausschaut, ich heute mit Runtastic meine 10km in neuer Bestzeit gerannt bin und ob ich gerade frischer Single oder ein überdrüber-glückliches Wir bin, dann scheint das Ganze nur halb so viel wert zu sein.

Auch meine Facebook-Timeline ist hin und wieder voll mit Postings, die so vielverprechend aussehen, dass ich vor Neid platzen könnte und schon jetzt nerven mich die kommenden Sommermonate, wenn ich bei ca. 40 Grad in unserem unklimatisierten Büro vor mich hin transpirieren werde und meine Freundinnen Bikini- und Cocktail-Schnappschüsse von den Sonnenstränden in Kroatien oder auf den Malediven teilen. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin ja auch so ein kleiner Social-Media-Addict und schaue ich mir das Zeug nur zu gerne an. Dabei habe ich aber nicht das Gefühl, dass ich – so wie Scotts Freunde im Film – angelogen werde oder andere anlüge. Ja natürlich stimmt es, dass unser Leben online manchmal einen etwas besseren Eindruck macht, als es vielleicht gerade ist. Es ist aber auch möglich, dass uns das Mitteilungsbedürfnis gerade dann überkommt, wenn eben gerade alles einfach ziemlich gut läuft. Aufpassen muss man nur bei jenen, bei denen dieser gute Lauf anscheinend nie stoppt. Wir alle haben unsere Höhen und Tiefen und meiner Erfahrung nach sind gerade die, die uns durchgehend an ihrem Bilderbuchleben teihaben lassen, mit großer Wahrscheinlichkeit die, die öfters mal nicht so glücklich sind, wie es den Anschein macht.

smileSo oder so, ich denke das Wichtigste ist einfach, sich immer wieder aufs Neue bewusst zu machen, dass die ganzen kleinen Momente, die wir nicht mit der „Welt“ teilen und die im Endeffekt unser Leben komplementieren einfach so viel wichtiger sind, als die Frage, ob das neue Profilbild den 100. Daumen kriegen wird oder nicht. Unser Leben besteht aus sich aneinanderreihenden Ereignissen, von denen wir einige wenige, die uns besonders schön, interessant oder spannend erscheinen, mit der virtuellen Welt teilen. Das sind aber im Großen und Ganzen fast nie die Dinge, die uns so wirklich ausmachen. Und wenn ich mal genau darüber nachdenke, dann fallen mir unzählige Augenblicke ein, die gerade deswegen so bedeutsam und schön waren, weil ich sie eben nur ganz allein für mich oder in meiner Erinnerung habe. Das beginnt bei einem spontanen Picknick im Sonnenuntergang letzten Sommer, geht über die ehrlich gemeinte Umarmung einer lieben Person, die mir ohne dass ich viel sagen muss, ansieht, dass ich letzten Montag einfach einen Scheiß-Tag hatte und endet beim Eichhörnchen, das heute morgen im Park meinen Weg gekreuzt hat. Denkt mal drüber nach, denn solche Momente gibt es zur Genüge und ihre Besonderheit liegt eben gerade darin, dass es kein gepostetes Foto dazu und keinen vielkommentierten Status darüber gibt.

2 Kommentare zu “What’s on your mind?

  1. Wie wahr. Ich denke, dass sich da echt einfach jeder eine Scheibe von abschneiden sollte und versuchen sollte nicht die Momente für die Nachwelt festzuhalten, sondern einfach mal in diesem Moment zu leben und ihn zu genießen. Immer diese falsche Wertschätzung im Internet zu suchen ist manchmal trauriger und weniger befriedigend als alles andere. Da nutze ich doch lieber die Zeit die ich dafür verschwende mein Profil aufzupeppen und verbringe die Zeit mit guten Freunden bei einem Gläschen Wein ;)

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