Kunst/LEBEN & KULTUR/Mode & Lifestyle

Bill Cunningham: „Money is the cheapest thing“

Lieber als jedes Modemagazin oder Fashionblog schaue ich mir ja Streetstyles an. Man könnte sagen ich mag Mode einfach echt gerne „frisch von der Straße weg“ fotografiert. Was mir daran so zusagt ist vermutlich die herrliche Authentizität, von der die Streetstyle-Fotografie für mich in ganz besonderem Ausmaß lebt. Es ist Mode an echten Menschen, Mode im Alltag, Mode in Bewegung – ganz einfach: Mode, die lebt. Sie hat rein gar nichts von großartigen, bis ins kleinste Detail inszenierten, aber dadurch eben auch irgendwie trügerischen High-Fashion-Fotos. Auch mit den ganzen Fashionbloggermenschen, die getreu dem Motto „Lass‘ uns was Geiles anziehen, losziehen und ein paar gute Fotos machen“ handeln, hat gute Streetstyle-Fotografie für mich nicht allzu viel gemeinsam. Vor allem nicht seit ich die Doku „Bill Cunningham New York“ gesehen und dadurch den Urvater und gewissermaßen Begründer von Streetstyle-Bilderserien kennengelernt habe.

Bill Cunningham ist genauso wie die Fotos, die er seit mehr als vierzig Jahren auf den Straßen News Yorks für die Sonntagsausgabe der New York Times schießt: außergewöhnlich und dabei doch stets aufs Wesentliche bedacht.  Der mittlerweile  85-jährige Herr hat Outfits an sich schon immer wichtiger genommen, als die Personen, die darin oder dahinter stecken. Wahrer Tiefgang der Streetstyle-Fotografie im ursprünglichen Sinne zeigt sich demzufolge nämlich gerade darin, dass sie an der Oberfläche bleibt. Bill ist es nicht wichtig, ob er Anna Wintour vor der Linse hat oder die Verkäuferin aus dem Laden an der Ecke, so lange beide so gut gekleidet sind, dass er nicht anders kann, als ihr Outfit fotografisch festzuhalten.

„I’m looking for stunners“, sagt er und deswegen sind auch nicht alle VIPs ein Foto wert. Anders als die Streetstyle-Fotografen von heute hält Bill gut gekleidete Passanten, Gäste von Abendveranstaltungen oder Besucherinnen der Fashionweek nicht an und bittet um ein Foto, auf denen sein Motiv dann frontal zu sehen ist, sondern er fängt die Kleider am liebsten in Bewegung ein. Es geht ihm um raffinierte Schnitte, Linienführung, Stoffe und Farben. Im Vordergrund ist und bleibt dadurch immer die Kleidung an sich. „It’s the clothes and not the celebrity and not the spectacle (…) he who seeks beauty will find it.“, sagt er in seiner Dankesrede, als er vom französischen Kulturminister 2008 zum „l’officier de l’ordre des arts et des lettres“ gekürt wird.

In seiner Suche nach dem Schönen spürt Bill oft Trends auf, die allen anderen Giganten der Modewelt entgangen sind. Obwohl er die gesamte New Yorker High Society und alle wichtigen Modemenschen inzwischen kennt, gibt er nichts auf Namen oder Prestige. Im Gegensatz zu vielen anderen in einem Business, das seit jeher nach dem eine-Hand-wäscht-die-andere-Prinzip zu funktionieren scheint, ist Bill Cunningham nicht käuflich. Von ihm hört man Aussagen wie „Money is the cheapest thing. Liberty and freedom the most expensive“. Wie ernst er das nimmt, sieht man, wenn man sich anschaut wie Bill arbeitet und lebt. Zu den wichtigsten Fashionevents eingeladen, kommt er in bescheidenem Aufzug: einer blauen Handwerker-Jacke, braunen oder beigen Khakihosen und groben schwarzen Schuhen. Unterwegs ist er bei jedem Wetter – vor Regen und Wind schützt ihn ein an mehreren Stellen mit Klammern reparierter Umhang – auf seinem Fahrrad. Wohnhaft ist Bill seit Jahren in einem mit Aktenschränken voller Negative zugestelltem Ein-Zimmer-Apartment mit Bad und Klo am Gang. Zu diesen Unannehmlichkeiten meint er nur lässig: „Who the hell needs a kitchen and a bathroom?“. Sein Bett ist eine Schaumstoffmatratze gelagert auf Büchern und alten Getränkekisten. Dass er keinen Kleiderschrank, sondern nur ein paar an den Aktenschränken mit Bügeln aufgehängte Hemden besitzt, rundet das Bild ab. Wie er in der Doku verrät, war er sein ganzes Leben lang seiner Arbeit so zugetan, dass er zudem nie Zeit für eine Liebesbeziehung fand. Nach eigener Aussage ist  und war einzig und allein „fashion“ Bills „Rüstung um den Alltag des Lebens zu überstehen“.

bill 

Dementsprechend ist Herr Cunningham nichts wichtiger als seiner Leidenschaft und sich selbst treu zu bleiben. Das sehen nicht alle gerne. Vor Jahren hatte er beispielsweise Imitate bei Armani aufgedeckt, woraufhin sämtliche Anzeigen in dem Magazin, das die Geschichte brachte, gestrichen wurden. Er selbst kündigte bei einem weiteren Magazin, welches seine Fotos für eine In- and Out-Serie verwendete mit der Begründung, dass alles „in“ ist, was er auf der Straße an Mode mit seiner Kamera so einfängt.  Über Geld macht er sich also nicht so gerne Sorgen. Für sein Empfinden hat Bill alles, was er braucht, denn seine Arbeit macht ihm Spaß, weshalb er sie auch nicht als Arbeit ansieht. Das gelingt ihm durch ein einfaches Prinzip: „If you don’t take money they can’t tell you what to do“, rät er, lacht und beißt in seinen drei-Dollar-Burger, bevor er sich wieder auf sein Rad schwingt, um dort zu fotografieren, wo die Mode noch immer am unverstelltesten ist: auf den Straßen des Alltags.

Bildschirmfoto 2014-07-02 um 00.04.29

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