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Oh Bart! Oh Bart!

BartChart1Kürzlich mitgelauschte ( -ja ich weiß das tut man nicht!) Unterhaltung zweier Mittzwanziger in der Wiener U-Bahn:

– Typ A, gut und flächendeckend dicht bebartet: „Ach ich sollte endlich mal wieder meinen Bart trimmen. Der wuchert schon wieder ohne Ende, ich sag’s dir.“ – Typ B, Marke makelloses Babyface: „Sei doch froh, dass du so einen guten Bart hast. Echt, da kann man richtig neidisch werden, schau mich mal an und die Ladies stehen bestimmt auch drauf.“ – Typ A, sichtlich verlegen aufgrund des Kompliments und möchte die Situation mit Witz überspielen: „Ach die Ladies, die tragen doch inzwischen schon selber Bart. Ich sage nur Conchita!“

Die Frage, wie Gesichtsbehaarungen in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen bei der Damenwelt ankommen, lassen wir jetzt mal im Raum stehen. Sicher ist, dass der Bart nicht erst seit dem Zeitpunkt als Conchita Wurst als erste bärtige Frau den ESC in Kopenhagen für sich entscheiden konnte, zu einem omnipräsenten Thema geworden ist. Spätestens seit da scheint allerdings die Vorstellung, dass eine Frau (oder eben ein Mann in seiner Rolle als Frau) die Männerwelt ihres letzten Symbols für pure Männlichkeit beraubt, irgendwie Irritation und Unsicherheit zu erzeugen.

Bildschirmfoto 2014-07-08 um 23.29.25Nicht anders kann ich mir die jüngste Plakataktion der RFJ, dem Ring Freiheitlicher Jugend, im Burgenland erklären. Sie setzt sich gegen den „Genderwahnsinn“ ein. Wir brauchen kein Binnen-I und auch keine Quotenregelung, lauten die Forderungen der aktuelle Kampagne. Wie „echte Frauen“ auszusehen haben, wird auch gleich präsentiert: schlank, halbnackt, blauäugig, blond und langhaarig. Und was sagt uns diese echte Frau?“ – Ich brauche keinen Bart, um erfolgreich zu sein.“ Eine mehr als klare Anspielung auf Conchita Wurst. Die Frau mit Bart verunsichert die RFJ nicht nur, sondern sie macht ihr Angst und Menschen die Angst haben reagieren bekanntlich ja gerne aggressiv.

Bärte sind eben einfach ein heikles Thema. Noch heikler wird es, wenn Frauen sie tragen. Aber warum ist dem eigentlich so? Warum schenken junge Männer ihrer Gesichtsbehaarung plötzlich so viel Aufmerksamkeit und bewundern gut gewachsene Bärte oder ordentliche Schnauzer so wie kleine Mädchen das perfekte blonde Haupthaar ihrer Barbies?

Der Bart war viele Jahre ein gesellschaftliches Tabu, denn er stand für mehr oder weniger gepflegte Verwahrlosung. Heute hat er sich – sei er nun lang gewachsen, zurecht gestutzt oder drei Tage alt – seinen Platz auf Kinn und Wangen von Herren allen Alters zurückerobert. Wieder eingeführt wurde der haarige Trend – wie könnte es auch anders sein – vom Klischee-Hipster mit beginnender Jahrtausendwende. Den Bart auf diese oder auf Papas und Opas zu beschränken, würde allerdings zu kurz greifen, denn es scheint, dass die Mehrheit junger Männer sich daran erfreut unrasiert durch das Leben zu gehen und sich Vollbärte, Teilbärte und Schnauzer stehen lässt. Je haariger im Gesicht, desto besser, scheint das aktuelle Credo zu lauten.

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Wenn man sich   ein wenig in die Kulturgeschichte des Bartes einliest, so wird klar, dass der Bart seit jeher extrem wichtig für den Mann und vor allem seinen Geschlechtsstatus gewesen ist. Evolutionsbiologisch betrachtet ist der Bart ein Rudiment des Fells und steht somit nicht nur sinnbildlich für das Animalische und das Triebhafte. Der Bart gilt daher auch als Zeichen körperlicher Kraft. Er zierte den Mann der Antike und galt als Signifikat der Weisen und der Priester. Die meisten Völker des Altertums ließen sich Bart am Kinn wachsen und verwendeten bereits viel Pflege auf ihn. Im alten Ägypten bestimmte der Rang des Trägers  über die Bartlänge und auch im Mittelalter sagte das Vorhandensein von Bart etwas über die Ehrenhaftigkeit aus. Der Bart hat also sehr oft etwas mit Macht und einer damit verbundener Form von tiefer Männlichkeit zu tun.

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Im 19. Jahrhundert kam ein weiterer Aspekt hinzu. Zur Zeit der Revolutionen 1789 und 1848 war der Bart einerseits ein Zeichen für Volksnähe, da Herrscher sich dadurch im Aussehen an das einfache Volk anpassen konnten und andererseits aber auch ein Symbol für Kritik und Radikalismus, welches die Gesichter von Intellektuellen wie Marx oder Nietzsche zierte. Mit den großen Weltkriegen kam dann aber ein jähes Ende des Vollbartkultes, da dieser für den Soldaten im Krieg ganz einfach ein Hindernis darstellte. Diese Vorstellung ist bis heute geblieben, denn es gibt ja noch immer den umstrittenen Haarerlass, der die Regelung bezüglich der Tragweise von Haar- und Barttracht bei Eintritt ins Bundesheer bezeichnet. Er wurde in den Sechzigerjahren eingeführt, um den Hippiematten und Beatles-Köpfen entgegen zu wirken. Gerechtfertigt wird das Ganze gegenwärtig noch immer damit, dass das gesellschaftliche Erscheinungsbild von Soldaten seit jeher in äußerlich sichtbaren Verhaltensformen zum Ausdruck kommt. Viele junge Männer empfinden diese Maßnahme des Haare-Lassesns beim Eintritt ins Bundesheer allerdings als Eingriff in ihr Persönlichkeitsrecht. Haare im Allgemeinen und der Bart im Speziellen tragen daher noch mehr zum Charakter des Revolutionären bei und sind seit den Sechziger- und Siebzigerjahren oft bei auf Veränderung hin orientierten Querdenkern zu finden. In Zeiten, in denen alle mit glattrasierten Wangen herumliefen, war eine bewusst gewählte Gesichtsbehaarung ein eindeutiges gesellschaftspolitisches Statement. Nicht verwunderlich also, dass der hipsteresque Mann von heute sich den Bart als Ausdruck für Andersartigkeit und Individualität zu eigen gemacht und sich den Bart gegen die Diktion der Allgemeinheit zurückerobert hat.

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Von der soziologischen Warte aus betrachtet ist Mode und auch die selbst herbeigeführte Veränderung körperlicher Merkmale wie eben die Heranzucht von Haaren im Gesicht eine Möglichkeit, den Naturzustand in eine idealisierte Realität zu überführen. Ein definitiv maskulin besetztes Stilelement wie der Bart transportiert Prestige, bringt gesellschaftliche Anerkennung und soziale Macht. Der Bart macht den Mann wieder zu einem echten Mann. Mit der Wiederkehr der Gesichtsbehaarung hat sich der Mann seine Freiheit von der Diktatur, der Gesellschaft und des weiblichen Geschmacks wieder zurückerobert. In einer Zeit, in der Geschlechtergrenzen immer mehr verschwimmen zeigt der Bart, dass der Mann ein Mann und eben keine Frau ist. Bärte sind daher gleichzeitig irgendwie das konservativste und emanzipatorischste Signal, dass Männer in unserer Gesellschaft tragen können. Dass ein Mann, der auf der Bühne eine Frau ist, nicht in ein politisch rechtes Weltbild passt, ist eine Sache. Wenn aber diese Frau es dann nicht dabei belassen kann eine Frau zu bleiben, sondern dem (angezogenen) Mann auch noch sein männlichstes Erkennungsmerkmal – den Bart – klaut, dann brennt der Hut! Tja, schon blöd, dass Europa und die Welt sich bereits für die bärtige Wurst entschieden haben und ein paar komische Plakate daran gerechtfertigterweise so rein gar nichts ändern werden …

Ein Kommentar zu “Oh Bart! Oh Bart!

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