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Undress Me.

Am Donnerstag letzter Woche hat Tatia Pilievas mit dem Nachfolgevideo zu „First Kiss„, welches mit seinem Namen „Undress Me“ den Inhalt mit nur zwei kleinen Worten haargenau auf den Punkt bringt, ihre Vorliebe für „Erste Male“ erneut zum Ausdruck gebracht.

Tatias erstes Video „First Kiss“, das 20 Unbekannte miteinander knutschen ließ, hatte sich im März wie ein Lauffeuer verbreitet und das gesamte internet mit seiner Außergewöhnlichkeit verzaubert . Selbst als sich herausstellte, dass das Ganze in Wahrheit nur ein extrem ausgefuchster Marketing-Gag für das Modelabel Wren Clothing war, tat das dem Erfolg des Videos keinen Abbruch. Es gab viel mehr echt viele Nachahmer der Idee – auch wenn eigentlich alle davon wie etwa „First Slap„, „First Blowjob“ oder „First Shit“ alles andere als ernst gemeint waren und die Idee ins Land der Lächerlichkeiten zogen.

Anscheinend hat die damals wahrgenommene Faszination, Fremde beim Austausch erster Intimitäten zu beobachten, dem amerikanischen Fernsehsender Showtime aber trotzdem für die Auftragserteilung eines weiteren derartigen Werbevideos gereicht. Und: sie scheint auch bei den RezpientInnen anzuhalten, denn auch das Video, indem sich Fremde gegenseitig entkleiden, hat bereits verdächtig viele Klicks.

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„I asked strangers to undress each other and get in bed. Nothing else. No rules.“, sagt Pilieva über „Undress Me“. An diese Aufgabe halten sich die zehn anscheinend wieder willkürlich zusammengewürfelten und einander unbekannten Paare auch. Dabei wird die Idee zu „First Kiss“ wiederholt ohne uns zu langweilen und das, obwohl alles nach dem exakt gleichen Muster funktioniert. Das Video ist originalgetreu in schlichtem schwarz-weiß gehalten. Die Menschen sind erneut allesamt ebenso unverschämt gutaussehend wie charismatisch und nähern sich einander in alter Tradition anrührend nervös und voller Unsicherheit – läuft also alles ganz genau so wie bei ihren küssenden VorgängerInnen. Auch mit  der Wahl der Hintergrundmusik landet die Regisseurin einen Volltreffer. „Before I fall“ von Ganvin Heaney fängt die sich abspielenden, vorsichtig antastenden Szenenbilder durch den süßlich dahintänzelnden Dreivierteltakt gekonnt ein. Auch die Lyrics tun mit „innocence is gone“ und „won‘t you come along in the great unknown“ ihr Übriges, damit sich die mystische Erotik voll und ganz entfalten kann.

Das einzige was „Undress Me“ von „First Kiss“ unterscheidet, ist, dass es von Vornherein als Werbung für die zweite Staffel der Serie „Masters of Sex“ ausgewiesen wird. Das hat für mich persönlich aber eigentlich keinen so großen Unterschied gemacht: Werbung ist Werbung – egal, ob als solche ausgewiesen oder nicht – manipuliert sie uns, sofern sie gut gemacht ist, doch sowieso immer auf irgendeine Art und Weise. Was mich persönlich im Vorfeld viel mehr irritiert hat, ist die Tatsache, dass sich die Fremden diesmal nicht nur küssen, sondern sich gar ausziehen und miteinander ins Bett steigen sollten. Nachdem ich mir das Video aber angeschaut hatte, musste ich feststellen, dass das irgendwie viel harmloser aussah und sich nur halb so wild anfühlte, wie es sich angehört hatte. Die Paare waren zwar quasi nackt, aber ansonsten – verglichen mit ihrer First-Kiss-Kollegschaft – mehrheitlich relativ zurückhaltend.

So weit, so gut. Doch warum ergötzen wir uns schon wieder so gerne an „ersten Malen“? Auf ein Neues kann das Video durch Authentizität punkten. Und die ist diesmal eben wieder so gar nicht Porno oder gar romantischer Liebesfilm, sondern ziemlich nah an der Realität. „Ok I`m just warning you my hands get really sweaty when I`m nervous“, meint da zum Beispiel gleich zu Beginn eine junge Frau aus Texas, während eine andere ganz verlegen wird, weil sie den Hemdknopf des ihr Zugeteilten nicht gleich aufbekommt. Bei einem weiteren Paar springt der Hosenknopf gar ab. Alles nicht ganz so sexy. Und auch kein großes Kino. Dafür etwas, das viele vielleicht auch an das eine oder andere selbst erlebte charmante Hoppala im Bett mit einer vielleicht (noch) nicht ganz so vertrauten Person denken lässt. Denn, wenn wir mal ganz ehrlich sind, erinnern wir uns doch alle eher an Nächte, in denen uns ein ähnliches Malheur zum Lachen gebracht und uns dadurch vielleicht sogar die Anspannung oder Verlegenheit genommen hat, als an jene, in denen alles wie an unserem selbst auferlegten Schnürchen lief. Perfektion beschert uns nämlich selten Geschichten, an die wir uns noch Jahre später mit einem Schmunzeln auf den Lippen erinnern können. Und in einer Welt, die überall nach Perfektion strebt, kann es doch auch mal ganz charmant sein, das Vollkommene in der Unvollkommenheit zu sehen.

Und wenn etwas Erstlingserfahrungen im Allgemeinen innewohnt dann ist es wohl genau das. Der erste Schultag, das erste Mal in die Disko gehen, die erste Zigarette, die erste Zeit an der Uni, das erste Mal alleine Verreisen, der erste wirkliche Job, die erste Beziehung, das erste Mal alleine in einer fremden Stadt leben, den ersten Marathon rennen, das erste Mal … ach unser Leben ist im Großen und Ganzen doch ein einziges Sammelsurium an ersten Malen, denn niemand erzählt seinen Enkeln später vom dreiundzwanzigsten Kuss, den er gekriegt hat oder vom zehnten Ballkleid, dass sie sich gekauft hat. Mit zunehmendem Alter nehmen die ersten Male immer mehr ab. Das liegt in der Natur der Sache, aber auch ein bisschen daran, dass wir, je erwachsener wir werden, auch immer öfter unserer eigenen Feigheit klein beigeben. Denn: das Neuland, das wir durch erste Male betreten, bringt ganz einfach Unsicherheit mit sich und das macht selbstverständlich Angst. Deswegen bleiben wir ja auch ganz gerne in unserer Komfortzone. Hier geht es uns gut, wir wissen, was wir haben und eigentlich sind wir ja eh ganz zufrieden. Ja, eigentlich. Aber was, wenn hinter dem nächsten ersten Mal etwas ganz unglaublich Großartiges wartet? – If you never try, you’ll never know …

Ein Kommentar zu “Undress Me.

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