LEBEN & KULTUR/Literatur

tschick. Mein Sommerroman.

„Ich hatte nie einen Spitznamen. Ich meine, an der Schule. Aber auch sonst nicht. Mein Name ist Maik Klingenberg. Maik. Nicht Maiki, nicht Klinge und der ganze andere Quatsch auch nicht, immer nur Maik. Außer in der Sechsten, da hieß ich mal kurz Psycho. Das ist auch nicht der ganz große Bringer, wenn man Psycho heißt. Aber das dauert auch nicht lang und dann hieß ich wieder Maik. Wenn man keinen Spitznamen hat, kann das zwei Gründe haben. Entweder man ist wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keinen, oder man hat keine Freunde. Wenn ich mich für eins von beiden entscheiden müsste, wär’s mir, ehrlich gesagt, lieber, keine Freunde zu haben als wahnsinnig langweilig zu sein. Weil, wenn man langweilig ist, hat man automatisch keine Freunde, oder nur Freunde, die noch langweiliger sind als man selbst. Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit. Es kann sein, dass man langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte, das ist mein Problem.“

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Das ist so lange ein Problem für den vierzehnjährigen Maik, bis Tschick in sein Leben tritt. Tschick heißt eigentlich Andrej Tschichatschow und ist als  russischer Spätaussiedler vor einigen Zeit neu in Maiks Klasse gekommen. Im Unterricht fällt er, wenn überhaupt, nur durch seine gelegentliche Alkoholfahne und seine ignorante Art auf. Während Maik über sich denkt, dass er zu langweilig ist, um von seinen Klassenkameraden Beachtung geschenkt zu bekommen, scheint Tschick im Gegenzug seine Klassenkameraden so langweilig zu finden, dass er sie seiner Aufmerksamkeit für nicht würdig befindet. Bis auf Maik, den er am letzten Schultag vor den großen Sommerferien anspricht. Und obwohl dieser ihn erst abweist, steht er am nächsten Tag mit einem in der Nachbarschaft geklautem altem Lada vor seiner Tür  und  schlägt vor einen Roadtrip in die Walachei zu machen, Urlaub wie „normale Leute“. Maik, dessen Mutter gerade wieder auf der „Beautyfarm“ – so das familieninterne Codewort für die Alkoholentzugsklinik – ist, wurde von seinem Vater, der mit seiner „Assistentin“ auf  einer längeren „Geschäftsreise ist“ mit 200 Euro und der Anweisung „keinen Scheiß zu bauen“ im elterlichen Anwesen zurückgelassen. Nachdem er sich zwar sehr zögerlich, aber schlussendlich doch zu dieser verrückten Idee überreden lässt, entwickelt  sich während dem darauffolgenden chaotischen Roadtrip  eine außergewöhnliche Freundschaft. Der einzige Nachteil ist, dass das Abenteuer zu schnell zu Ende geht, was aber auch zu erwarten ist, wenn zwei Vierzehnjährige eine verbotene Reise mit einem geklauten Auto durchziehen wollen.  Maiks Resultat zum Schluss: „Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten kuckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV kuckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

Tschick ist als Jugendroman geschrieben worden und lässt sich dementsprechend leicht lesen. Das Buch lebt von seiner herrlich unaufdringlichen und einfachen Sprache, denn Herrndorf ist es ganz fantastisch gelungen ein Jugendjargon vorzuführen, das mit seiner Abgedrehtheit nicht nur so jung und frisch wie sein Protagonist selbst ist, sondern auch einen erwachsenen Leser stellenweise noch richtig zum Lachen bringen kann. Und ganz wie nebenbei lehrt dieser Sommer mit Maik und Tschick seine LeserInnen noch unglaublich viel über echte Freundschaft, die Liebe sowie die Kunst zu leben.

2 Kommentare zu “tschick. Mein Sommerroman.

  1. Seit heute gibt es ein neues, unvollendetes Buch von Herrndorf: „Bilder deiner großen Liebe“. Das ist aus der Sicht von Isa (das Müllhaldenmädchen) geschrieben. Und mein erster Eindruck ist, dass es an Tschick rankommen könnte…

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