GEDANKENSPIELE/Generation Y/Gesellschaft & Soziales/Internet/LEBEN & KULTUR

#icebucketchallenge

„Ich danke blablabla für die Nominierung, nominiere hiermit bla, bla und bla. Ihr habt 48 Stunden Zeit.“ So oder ziemlich ähnlich schaut momentan jedes zehnte tatsächliche und gefühlt jedes dritte Posting in meinem Facebook-Feed aus. Kaum ist die Bier-Challenge wieder einigermaßen abgeflaut, geht das Spiel in die nächste Runde. Und auch dieses Mal war ich bereits nach kurzer Zeit ein wenig ziemlich genervt davon. Ja klar, es mag eine Zeit lang ganz lustig sein, anderen dabei zuzuschauen, wie sie sich einen Kübel mit eiskaltem Wasser über den Kopf leeren und dabei kreischend herumzappeln. Wenn das aber in den Vordergrund rückt und es in erster Linie darum zu gehen scheint, sich selbst seinen Freunden und der Welt mit immer verrückteren Abwandlungen der „Eiskübelherausforderung“ zu präsentieren, hat das aber mit der Grundidee des Spendens bald gar nicht mehr so viel zu tun. Ich wage gar zu behaupten, dass der eine oder die andere nach der Überschüttung des perfekten Beachbodys in Bikini, auf dem Pferd, in der elterlichen Wanne, am Brandenburger Tor oder neben der Hanfpflanze am eigenen Balkon, sogar gänzlich darauf verzichtet hat.

Das ist schade, denn zugegebenermaßen ist das Ganze vom Ursprung her sehr viel durchdachter als die Biersauferei davor. Es handelt sich um eine Spendenaktion zu Gunsten der ALS Association, die ALS-Erkrankten und ihren Familien beisteht und Forschung betreibt, um ALS zukünftig besser behandeln zu können. ALS oder Amyotrophe Lateralsklerose ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Erkrankte erleben dabei zunehmenden Muskelschwund sowie Schwäche in Armen und Händen. Es kommt zudem zu Koordinationsproblemen, Gang-, Schluck- und Sprechstörungen. ALS gilt als nicht heilbar. Bei guter Behandlung kann man mit der Krankheit noch bis zu fünf Jahre leben, wobei der Alltag durch ALS stark beeinträchtigt wird. Der Tod tritt dann meist in Form einer Lungenentzündung ein.

Die Ice Bucket Challenge nun fordert Nominierte dazu auf, sich mit einem eiskalten Kübel Wasser zu überschütten, um nur 10 und nicht 100 Euro für die Erforschung und Bekämpfung von ALS zu spenden. Prinzipiell ist das Ganze also eine gute Idee. So oder so – es wird ein kleinerer oder größerer Betrag gespendet. Eine relativ unbekannte und wirklich schreckliche Krankheit erlangt Weltöffentlichkeit und für ihre Erforschung steht plötzlich sehr viel Geld – laut eigenen Angaben nämlich umgerechnet 67 Mio. Euro in nur einem Monat – zur Verfügung.

Nochmal, weil es einfach so unfassbar viel Geld ist: 67 Mio. Euro in einem Monat! Selbstinszenierung wider der eigentlichen Sache hin oder her, es müssen also doch recht viele Menschen ein wenig Knete locker gemacht haben. Ist doch toll? Nein, finde ich nicht nur, denn es gibt für mich weit mehr als nur diesen einen Haken an einer anfänglich vielleicht ganz schönen und – da bin ich mir sicher – bestimmt von Herzen gut gemeinten Aktion.

ALS ist eine insgesamt eher seltene Krankheit (1-3 auf 100.000/Jahr), wobei die meisten Erkrankungen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren auftreten. Ich möchte hier keine Krankheiten gegeneinander aufwiegen, aber eine meiner besten Freundinnen leidet unter Mukoviszidose/ ZF, das ist eine unheilbare Stoffwechselerkrankung, mit der sie seit ihrer Geburt (mit einer Quote von einem kranken auf 2000 gesunde Neugeborene) bisher ganz gut lebt. Sie ist 23 und ihre Lebenserwartung liegt, wenn alles weiterhin so verhältnismäßig gut wie bisher läuft, bei Mitte 30. Natürlich ist ALS eine ebenso schlimme Krankheit und die Tatsache, dass sie weniger und weitaus ältere Menschen betrifft, macht es weder besser noch hilft es den Betroffenen. Ich möchte mit diesem simplen Beispiel nur aufzeigen, dass es mehr gibt als ALS. ALS ist nur eine von vielen Krankheiten, die es Wert sind, dass Medizin und Pharmaindustrie in ihre Erforschung Geld stecken. Wenn man zum Beispiel Alzheimer hernimmt – auch daran erkrankt inzwischen jede Dritte. Oder ebenfalls gerade hochaktuell: Ebola in Westafrika, an dem momentan 90% der Infizierten sterben und für dessen Bekämpfung rund 430 Millionen Euro gebraucht werden würden. Abgesehen davon und da wir ohnehin gerade schon bei Afrika sind, man könnte bei dem ganzen verschwendeten Wasser der Ice Bucket Challenge ja auch daran denken, dass chronischer Wassermangel und unsauberes Wasser in vielen Gegenden Afrikas immer wieder zu Dürre, Seuchen und Hungersnot führen. Es gibt nämlich nicht nur tödliche Krankheiten auf dieser Welt, sondern ganz allgemein jede Menge Not, Leid, Kriegsgebiete und Krisenherde und das nicht erst seit gestern.

Versteht mich nicht falsch: Spendenaktionen sind eine super Sache! Und ohne die vielen herausragenden Menschen, die in diesen Bereichen aktiv sind und ihre nicht so engagierten Mitmenschen mit allen möglichen Mitteln – in diesem Falle eben einer Challenge, die den Selbstinszenierungsdrang der Leute befriedigt – zum Spenden bringen, wäre diese Welt ein sehr viel finsterer Ort. Die wahre Challenge besteht meiner Meinung nach aber darin, einen Weg zu finden in unserer abgestumpften Gesellschaft zukünftig langfristig ein Bewusstsein für die Not und das Leid anderer zu schaffen, sie regelmäßig dazu zu bringen für gute Zwecke zu spenden und sich selbst und die eigenen First-World-Problems – wie zum Beispiel die Frage danach, wieviele Likes das eigene „#icebucketchallenge“-Kurzfilmchen abgestaubt hat – nicht immer so verdammt wichtig zu nehmen … Ist es nämlich nicht.

Ein Kommentar zu “#icebucketchallenge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s