LEBEN & KULTUR/Reisen

Dicke Titten, Kartoffelsalat. Oder: Malle, wo die Klischees zu Hause sind.

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Der Sommer in Wien war rein wettertechnisch bis auf einige Ausnahmen wunderschön – keine Frage.  Dank meines 40h-Praktikums in einem unklimatisierten Bürogebäudee litt ich darunter aber mehr, als das die Affenhitze im Juli und August mein Gemüt hätte erheitern können. Und ausgerechnet an den Wochenenden dann – wenn auch ich mal Zeit für einen Plantsch in die Donau gehabt hätte – verzog sich die Sonne meist hinter tristen grauen Wolkenschleiern. Gegen Ende meiner Praktikumszeit sehnte ich mich daher nach nichts mehr, als nach einer Woche Ruhe am Sandstrand mit allem drum und dran.
Glücklicherweise konnte sich auch mein supercooler Freund M. für die Idee von „last-minute-billig-beach“ erwärmen und somit hatte ich schnell einen tollen Urlaubskumpanen gefunden. Um vieles schwieriger gestaltete sich die Suche nach einer preiswerten und dennoch unseren Ansprüchen (kurze Anreisezeit, gut bewertetes Hotel mit Pool, schöner Strand in unmittelbarer Nähe, …) entsprechenden Flug+Hotel-Kombi. Fündig wurden wir schlussendlich mit einem Angebot, das uns nach Mallorca bringen sollte. Ein kurzer Blick auf Goolglemaps zeigte, dass das Urlaubsziel „Cala Ratjada“ im Norden Mallorcas angesiedelt war. Unser Hotel wäre vom Flughafen in Palma mit zweistündiger Busfahrt gut erreichbar und somit fernab vom typischen Ballermann-Mallorca, das wohl allen, wenn nicht aus eigener Erfahrung zumindest aus dem Fernsehen, bekannt sein dürfte. Das dachten wir zumindest und buchten nichtsahnend unseren Urlaub in einem  – wie wir dachten – nordspanischen Hafenörtchen der Insel.

Schon im Bus nach Cala Ratjada wurde aber recht schnell klar, dass die Deutschen diese Insel nicht zu Unrecht gerne als ihr 17. Bundesland bezeichnen. Im Bus waren – abgesehen von uns – durchgehend nur deutsche Urlauber, die ihren Gesprächen zu Folge jährlich nach Malle kommen und das seit vielen vielen Jahren. (Klischee – check!)

Im Hotel angekommen wurde uns mitgeteilt, dass das Zimmer erst in einer Stunde fertig wäre, weswegen wir beschlossen einen Spaziergang zum Hafen zu machen. Den Weg dahin zierten rechts und links nicht nur typische Touristenshops, die Shirts mit originellen Aufdrucken („Dicke Titten, Kartoffelsalat“, „Was in Malle passiert, bleibt in Malle“) feil boten, sondern auch Lokale mit klingenden Namen wie „Uwe’s Bierlokal“, „Renate’s Bierstube“ und „Susi’s Café“. (Klischee – check!)

CAM04872Am Hafen wurde das Ganze zumindest dem Aussehen nach ein wenig südlandischer und ein kurzer Blick in die Speisekarte versicherte uns, dass hier nicht nur (aber auch) Schnitzel mit Pommes/Kartoffelsalat oder Grillteller angeboten wird. Wir wagten es tatsächlich etwas „Exotisches“ zu bestellen und so wurde uns an unserem ersten Tag auf Malle von einem spanischen, wenn auch perfekt deutsch sprechenden (Klischee – check!), älteren Herrn eine vorzügliche Paella serviert. Nicht einmal die Tatsache, dass der Sangria dazu, zwar nicht in Kübel mit Strohhalm, aber in einem so großen Weinglas, dass ich beide Hände zum Hochheben benötigte, gereicht wurde (Klischee -check!), konnte diesem Mahl am malerischen Hafen von Cala Ratjada Abbruch tun.

Nachmittags am Strand angekommen dröhnte uns von der Bar feinster Helene-Fischer-Sound entgegen. (Klischee-check! ) Zu „atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei“ wippend fanden sich vor und rund um die Bar aber nicht nur mehrere Bier-trinkende Männergruppen jungen bis mittleren Alters (Klischee – check!) sondern auch rüstige und deswegen feierwütige SeniorInnen (Klischee – check!) ein. Nichtsdestotrotz war der Strand echt schön und mit der Wahl des richtigen Platzes und ein wenig Übung war es auch ein Leichtes die Schlager-Beschallung auf ein Minimum zu reduzieren.

Nachdem unsere Illusion vom spanischen Hafenörtchen Cala Ratjada also bereits nach wenigen Stunden bis in ihre Grundmanifeste zerstört worden war, schraubten wir unsere Erwartungen vom Strandurlaub im Süden etwas zurück und konzentrierten uns fortan auf die guten Seiten unserer Reise.

IMG_20140920_WA0004Anstatt nach weiteren Klischees zu suchen und ausführlich zu bekritteln, was sich ohnehin nicht ändern lässt, erfreuten wir uns an unserem wunderbaren Zimmer mit Meerblick, den äußerst bequemen Liegen am ruhigen Hotelpool, ausgezeichneter Ferienlektüre, den frühmorgendlichen Joggingrunden am menschenleeren Strand und Hafen, dem sich langsam entwickelnden Sommerteint, einer Wanderung zu einem Leuchtturm mit gigantischer Aussicht, menschlicher Quality-time mit guten Gesprächen und dem täglichen Schmausen im vermutlich besten Caférestaurant Noah’s (ich sage nur Toscana-Salat mit Honig-Blaubeer(!)dressing) unten am Hafen. Alles in allem war es rückblickend also doch ein fabelhafter Urlaub – nur nach Malle wird es uns wohl trotzdem nicht mehr so bald ziehen, wenn wir in den „Süden“ wollen …

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4 Kommentare zu “Dicke Titten, Kartoffelsalat. Oder: Malle, wo die Klischees zu Hause sind.

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