GEDANKENSPIELE/Liebe & Freundschaft/Medien & News

Das Geschäft mit der Liebe

Screenshot Twitter @RSDJulien

Screenshot Twitter @RSDJulien

Noch vor einigen Wochen war Julien Blanc nur sehr wenigen Menschen außerhalb der so genannten Pick-Up-Artist-Gemeinschaft bekannt. Momentan geistert der Name des selbsternannten Verführers und seiner Seminare, in denen er Männern weltweit seine umstrittenen Methoden Frauen aufzureißen lehrt, jedoch beinahe täglich durch die großen internationalen Medien. Das Time Magazin brachte den Stein mit einem Artikel betitelt mit „Is This the Most Hated Man in the World?“ ins Rollen und andere stiegen sogleich auf den Zug auf: The Telegraph, The GuardianZeit Online, Spiegel, Die Welt – um hier nur einige wenige zu nennen – diskutieren seit mehreren Tagen den Fall „Julien Blanc“. Diverse Länder, unter anderem Australien, Brasilien und neuerdings auch Großbritannien haben dem „Dating-Profi“ die Einreise verweigert und viele andere denken ebenfalls darüber nach.

Im Internet hat sich eine andauernde Protestwelle durch die Einführung des Hashtags #TakeDownJulienBlanc formiert. Jenn Li, eine Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln hatte so ihren Unmut kundgetan, nachdem sie ein Video im Netz gefunden hatte, indem Blanc von seinen angeblichen Erfahrungen mit Japanerinnen berichtete: als weißer Mann in Japan müsse man nur „Pikachu“ rufen, die Japanerin am Nacken packen und ihren Kopf in den Schoß drücken.
Blanc sagt also, dass Japanerinnen immer zum Oralsex mit weißen Männern bereit wären. Das ist nicht nur sexistisch, sondern auch rassistisch.
Zu Recht kritisiert wird er auch für ein Bild, auf dem er er ein T-shirt mit der Aufschrift „Diss Fatties, Bang Hotties“ in die Kamera hält. Auf einem anderen Foto würgt er eine Frau und versieht die Aufnahme  mit der Bildunterschrift #chokinggirlsallovertheworld.

In einem Interview mit CNN entschuldigte sich Blanc und versuchte sich zu erklären. Er sagt, dass er missverstanden wurde und einfach einen sehr schlechten Humor habe.

Schlechter Humor hin oder her, es ist wohl kaum zu übersehen, dass der „Pick-Up-Artist“ nicht nur zur psychischen, sondern auch zur physischen Gewalt aufruft. Eines seiner Bücher trägt den Titel „Physical Game. Wie man Frauen physisch führt und ins Bett kriegt„.
Angelehnt sind seine Weisheiten, die sich in Form klarer Regeln und eindeutiger Checklisten präsentieren, an Blancs Bibel: das Buch „The Game“ des Musikjournalisten Neil Strauss. Dieses Buch trägt zu Deutsch den Titel „Die perfekte Masche“. Es avancierte nach seiner Erscheinung unter dem Aufschrei zahlreicher Feministinnen augenblicklich zum Bestseller und genießt mittlerweile Kultstatus. Der Autor beschreibt darin seine Erfahrungen als Undercover-Pick-Up-Artist. Strauss verbrachte einige Zeit  im Kreise jener Männer, die sich das Ziel, so viele Frauen wie möglich zu verführen, gesetzt haben. Das Buch ist laut Leserrezensionen eine Mischung aus Unterhaltungsroman und Sachbuch der Verführung und auch ein Erfahrungsbericht des persönlichen Wandels   vom nerdigen Journalisten zum selbstbewussten Frauenaufreisser. Es ist der Klassiker der PUA Literatur und Juliens Einstieg in die Szene der Pick-Up-Artists.

Laut eigenen Angaben las er „Die Perfekte Masche“ als im Umgang mit Frauen verunsicherter Jugendlicher und versuchte sich dann erst mit wenig, schließlich aber mit immer mehr Erfolg am Spiel der Verführung bis er  zu einem Leader der PUA-Szene im Unternehmen Real Social Dynamics wird und Männer weltweit lehrt die heißesten Frauen aufzureissen. Das soll fnktionieren, indem sie einerseits ihr eigenes „Inner Game“, womit wohl so etwas wie Selbstbewusstsein gemeint ist, finden und andererseits die weibliche Psyche verstehen, um es dadurch zu schaffen, Frauen in eine Art emotionale Abhängigkeit zu manipulieren, sie an sich zu binden und somit ihre Bereitschaft für Sex zu steigern. Profis beherrschen das Spiel anscheinend so perfekt, dass sie auch Frauen, die in Beziehungen sind, dazu bringen mit ihnen zu schlafen.

Bildschirmfoto 2014-11-21 um 07.52.44

Screenshot Homepage pimpingmygame.com

Ich denke Julien richtet sich mit seinem Buch, seinen Lehren und Seminaren an alle Männer, die aktuell das sind, was er mal war: durch in ihrer Vergangenheit erlebte Zurückweisung total verunsicherte Jungs, die nicht im Entferntesten eine Ahnung davon haben, wie man auf Frauen zu- und mit ihnen umgeht. Julien zieht unterschiedlichste Männer an, die etwas gemeinsam haben: ein Ego, das stark leidet und vermutlich schon zu viele Kränkungen erfahren hat. Es sind Männer, die sich im Grunde vermutlich nur nach Nähe, einer Beziehung oder überhaupt einfach nach so etwas wie „Liebe“ im weitesten Sinne sehnen, bei denen es aber mit dem Kennenlernen von dafür passenden Frauen einfach nicht klappen will.

Und was macht man in unserer Selbstoptimierungs-Gesellschaft, wenn man mit seinem Verhalten oder Auftreten erfolglos bleibt und deshalb unzufrieden ist? Man lässt sich von Experten beraten, die einem beibringen, wie man besser wird. Es gibt Ratgeber und Coachingsmöglichkeiten für alle möglichen Lebenslagen. Wenn man Seminare machen kann, die einem lehren, wie man schnell viel abnimmt, im Sport erfolgreicher ist, sich bei einem Vorstellungsgespräch im besten Licht präsentiert oder wie man einem Kunden ein Produkt erfolgreich verkauft, dann ist es doch auch völlig legitim zu erlernen, wie man auf dem Liebesmarkt glänzen kann. Das ist nun wirklich nichts Neues. Dass Männer (aber auch Frauen) mit ihrem Liebesleben unzufrieden sind und sich daher im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation coachen lassen, ist ein alter Schuh.

Meiner Meinung nach besteht allerdings ein gewaltiger Unterschied, zwischen harmlosen „Flirt“-Kursen, in denen die Teilnehmer herausfinden, wer sie sind, wie sie auf Frauen zugehen sowie sie mit diesen einen charmanten Umgang pflegen und den frauenverachtenden Aufriss-Lehren von Blanc. Es ist nichts dabei, wenn Männer beispielsweise lernen, wie sie einer Frau, die ihnen gefällt, ein Kompliment machen können, um ihr Interesse zu bekunden oder ins Gespräch zu kommen. Was allerdings alles andere als ok ist, ist, wenn Menschen keinen wertschätzenden Umgang mehr miteinander pflegen. Genau das passiert im Fall der PUA-Szene. Verunsicherte Männer kommen, hoffen auf Hilfe im Umgang mit Frauen und treffen auf  Sexisten, die ihre Verzweiflung um 3000 Dollar in arrogante Selbstgefälligkeit und Hass umzuwandeln wissen.
streetart graffiti

Pick-Up-Lehrende spielen mit der Gefühlswelt ihrer Sprösslinge, indem sie diese anleiten mit den Gefühlen von Frauen zu spielen. Damit wird nicht nur die Frau zum Spielzeug, sondern auch die Liebesbeziehung zum bloßen Spiel degradiert. Der Mythos der romantischen Liebe stirbt. Die Spielarten, die dafür verwendet werden, basieren auf kommunikations- und emotionalpsychologischem Wissen und bedienen sich dementsprechend raffinierten manipulativen Techniken – natürlich werden sie also in den meisten Fällen funktionieren.

Männer, die mit Frauen spielen (und auch umgekehrt Frauen, die mit Männern spielen) gab, gibt und wird es immer geben. Vermutlich gehören diese Spielchen in der Liebe sogar  ein Stück weit zum Erwachsenwerden dazu. Auch dass es in Beziehungen in kleinem Rahmen zu Manipulation kommt, ist wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad einfach nur der menschlichen Fehlbarkeit anzurechnen.
Was allerdings neu und meiner Meinung nach extrem gefährlich ist, ist das dieses Verhalten neuerdings in Seminaren gelehrt wird, einen pseudowissenschaftlichen Überbau erhält und das Ganze von den Lernenden vorsätzlich und bei vollem Bewusstsein der Konsequenzen eingesetzt wird. Ich halte grundsätzlich nicht viel von medialen Hetzjagden auf Einzelpersonen – auch im vorliegenden Fall nicht. Julien Blanc steht nur exemplarisch für ein sehr fragliches Geschäftsmodell, welches viel zu gut läuft. Der Anführer ist hierbei ein weitaus kleineres Problem als die Anhänger der PUA-Szene. Was der starke Zulauf zu Blancs Geschäft über unsere Gesellschaft aussagt, ist meiner Meinung nach das Thema, über welches eigentlich diskutiert werden sollte. Was läuft zwischen Männern und Frauen so falsch, dass das hier passieren kann?

Ich denke es liegt in der Natur des Menschen, dass er gerne die Kontrolle hat und Macht ausübt. Ich kann daher nachvollziehen, dass es eine ganze Weile sehr erfüllend sein kann, die Fähigkeiten zu haben, die Julien verspricht. Jede Frau anzuziehen und für sich zu gewinnen, ist etwas, dass ein angeknackstes männliches Ego auf wahrscheinlich beste Art und Weise nicht nur wieder ins Lot bringt, sondern auch noch darüber hinaus pushen kann.

Doch lohnt es sich langfristig danach zu streben? Wie erfüllend kann es auf Dauer gesehen sein, Frauen so zu manipulieren, dass man sich ihre Zuneigung sichert? Wie motivierend ist es denn bitte ein sozialer Roboter zu sein, der immerzu vorgegebene Tricks, Verhaltensmuster und genauestens durchgeplante Stufenpläne durchlaufen muss? Können so überhaupt auch nur ansatzweise wirkliche Gefühle entstehen? Kann man jemanden lieben, dessen Willen man glaubt brechen zu müssen, den man also offensichtlich als nicht gleichwertig erachtet? Und: Finden Blancs Kunden auf diesem Weg das, was sie wirklich suchen? – Ich denke nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s