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Je suis Charlie. Ohne wenn und aber.

FRANCE-ATTACKS-CHARLIE-HEBDO-DEMO

Während ich diese Zeilen hier schreibe, gedenke ich gemeinsam mit Tausenden weltweit den Opfern der Anschläge auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und den Folgehandlungen dieser. In Paris fand gestern Nachmittag ein Trauermarsch statt, anlässlich dessen sich sowohl die Elite der internationalen Politik als auch hochrangige Vertreter des Islam, des Christen- und des Judentums einfanden. Die Bilder aus der französischen Hauptstadt zeigen eine sonst nur selten zu findende Einheit in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit. Eine Gemeinschaft, in der sich die Großen und Mächtigen unserer Welt die Hände reichen, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Komprimiert verbalisiert findet sich dieses Zeichen immer wieder in der unüberblickbaren Menschenmenge wieder. Denn viele halten Schilder mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ hoch.

Ein Satz, der schon wenige Stunden nach dem Anschlag auf allen sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer um sich griff, von den Medien propagiert und so an wirklich jeden und jede herangetragen wurde. „Je suis Charlie“ – ein Statement, an dem niemand in den vergangenen Tagen vorbeigekommen ist. „Je suis Charlie“ fungiert als Botschaft starker gemeinschaftlicher Gefühle. Es ist die trotzige Antwort auf die Fassungslosigkeit der Menschen, die versuchte Überwindung eines tief gehenden kollektiven Schmerzes. „Je suis Charlie“ – drei Worte, die als Hashtag, Satz oder Bild genutzt werden, um öffentlich Mitgefühl mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen. Denn: wenn drei islamistische Religionsfanatiker 12 Unschuldige abknallen, geht klares schwarz-weiß-Denken ziemlich leicht von der Hand. „Je suis Charlie“, aber auch um Solidarität zu bekunden. Aber Solidarität wofür genau eigentlich? Mit der Redaktion von Charlie Hebdo, mit der Kunstform der Satire, mit  Karikaturen, dem Journalismus, der Rede- und Meinungsfreiheit? Mit Linksliberalen oder mit Islamgegnern und Rechtspopulisten?

An employee of the Council of Europe holds a placard which read "I am Charlie" and a pen, during a minute of silence in front of the Council of Europe in Strasbourg

„Je suis Charlie“ funktioniert irgendwie als Antwort für alle. Seine Unbestimmtheit und schwammigen Grenzen bringen Zulauf. Bei vielen geschah diese nicht klar definierte Solidaritätsbekundung zu den drei kleinen Wörtchen daher schnell und ohne im Vorfeld großartig darüber zu sinnieren.

Auch ich fand mich wieder und ich tue es immer noch. Im Gegensatz zu vielen anderen, die nach erneutem Nachdenken ein „aber“ hinterher schieben. Jene, die der Satire Grenzen zu setzen beginnen. Jene die sich vor einer Instrumentalisierung schützen und sagen „Je suis Charlie, aber nicht Pegida“ und jene, die sagen „Je suis Charlie, aber ich bin auch Raif“. Das Aufkommen dieser ganzen Konjunktivklauseln, die an „Je suis Charlie“ momentan gehängt werden, waren von Anfang an nur eine Frage der Zeit. Ab einem gewissen Zeitpunkt fühlten sich immer mehr Menschen auf den Schlips getreten. Plötzlich schien man je nach persönlichem Selbstverständnis nicht mehr sicher, ob man wirklich noch hundertprozentig Charlie sein möchte. Kann ich Charlie sein, obwohl der Pegida-Demonstrant auch Charlie ist? Kann ich als Pegida-Demonstrant Charlie sein, wenn die Moslems von nebenan auch Charlie sind? Kann ich als der Moslem von nebenan Charlie sein, wenn ich mich in dem Land, in dem ich lebe, respektlos behandelt fühle? Kann ich Charlie sein, obwohl ich die von Charlie Hebdo veröffentlichten Karikaturen bei genauere Betrachtung mittlerweile teilweise geschmacklos finde? Ich sage: Ja. Verdammt nochmal, ja!

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Denn dieser Angriff, war ein Anschlag auf uns alle und deswegen könnte jeder und jede einzelne von uns Charlie sein. Im Grunde war es nämlich nicht nur ein grausames Attentat auf Redakteure und Zeichner eines Satireblatts, sondern auf die menschlichsten aller demokratischen Grundwerte: liberté, egalité, fraternité. Es war ein Angriff gegen alles, was wir uns durch die Französische Revolution hart erkämpfen musste. Ein Anschlag auf den öffentlichen Diskurs, auf unterschiedliche Meinungen, auf die Freiheit der Rede. Ein Anschlag auf ein Zusammenleben in Diversität. Ein Anschlag auf die Menschlichkeit. Menschlichkeit beinhaltet, dass verschiedenste Menschen mit unterschiedlichsten Wünschen und Bedürfnissen aufeinandertreffen. Das sorgt für Reibungen und Diskussionen, für Spannungen und Streitereien. Und nichts ist menschlicher als das. Das gehört zum Leben dazu. Es macht das Leben aus. Eben dieses Leben wurde angegriffen von kaltblütig mordenden Fanatikern, die ihre eigene Sicht zur alles übertrumpfenden Weltsicht erklärt haben. Damit haben sie gegen das Prinzip „Leben und leben lassen“ verstoßen und das Menschsein als solches angegriffen. „Je suis Charlie“ ist gleichbedeutend mit „Ich bin Mensch“ – ein Mensch, der denkt, ein Mensch, der fühlt, ein Mensch, der lebt. Und das, ganz ohne wenn und aber!

 Bildquellen: AFP/spiegel.de, reuters/taz.de, Rafael Mantesso/diepresse.com

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