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Sweatshop – Deadly Fashion


„Was für ein Leben ist das?“, fragt Anniken Jørgensen, die 18 Jahre alte Modebloggerin aus Norwegen, unter Tränen. Das Leben, von dem sie spricht, ist das der kombodschanischen Arbeiterinnen in den Produktionsstätten ihrer Kleidung.

Gemeinsam mit Frida Ottesen und Ludvig Hambro, zwei Kollegen der norwegischen Fashionbloggerszene, ist das Mädchen, das sich täglich über zehntausende Klicks auf ihrem Blog freuen darf, ins weit entfernte Kambodscha gereist. Hier konfrontiert die skandinavische Tageszeitung Aftenposten die jungen Modeliebhaber mit den Menschen, die unter unwürdigen Bedingungen jene It-Pieces herstellen, die ihnen zu Ruhm und Ansehen verhelfen, die dafür sorgen, dass sie zu luxuriösen Events eingeladen werden und auf der Fashion Week in der ersten Reihe posieren dürfen.

Vieles kriegen die Blogger dank ihres großen Bekanntheitsgrades oftmals regelrecht hinterher geschmissen. Trotzdem geben sie für Mode mehrere hundert Euro im Monat aus. Im Gespräch mit den Näherinnen erfahren sie, dass diese gerade mal einen Bruchteil davon verdienen. Natürlich wussten Anniken, Frida und Ludvig auch schon vorher, dass Textilhersteller in Entwicklungsländern billig produzieren lassen, aber erst als sie gemeinsam mit den Einheimischen leben und arbeiten, erfahren sie, was Ausbeuterei und Elend eigentlich wirklich bedeutet. Und dabei zählt Kambodscha laut welt.de noch zu den Vorzeigeländern, wenn es um die Herstellungsorte jener angesagten Fetzen, die wir nicht nur in Billigstläden wie Primark, sondern auch bei Zara, Levis oder Nike käuflich erwerben können, geht. Und dabei gilt zählt Kambodscha dank eines Abkommens mit den USA noch zur moralischsten Alternative der Textilindustrie, weil hier die Einhaltung bestimmter Arbeitsbedingungen angeblich seit einigen Jahren streng kontrolliert wird. Das bedeutet defacto aber lediglich, dass Grundrechte werden. Darunter fallen zum Beispiel der Mutterschutz und das Verbot von Kinderarbeit. Trotzdem schuften sich die Frauen in den Textilfabriken großer Städte wie Phnom Penh regelrecht zu Tode. Oft sind sie von der Armut der Provinz zum Arbeiten in die Stadt geflohen. Alles, was sie verdienen, schicken sie nach Hause. Das sind meist um die 60 Euro, also der gesetzliche Mindestlohn des Landes. Die Näherinnen machen viele Überstunden und arbeiten sonntags. Erlaubt sind zehn Arbeitsstunden täglich, viele arbeiten aber bis zu 16 Stunden, wie in der Sendung Weltspiegel zu erfahren ist. Nein sagen können die Arbeiterinnen sich ebenso wenig leisten wie krank zu werden, denn dann ist der Job sehr schnell einfach weg.

Man muss keine berühmte Fashionbloggerin sein, die zu einer Pressereise der etwas anderen Art eingeladen wird, damit einem das Schicksal der Textilarbeiterinnen in den Fabriken von Phnom Penh ans Herz geht. Auch wenn der Film für so manchen Geschmack vielleicht etwas lehrmeisterhaft ankommt und einen ganz eigenen Ton, der mitunter auf Kritik stoßen könnte, anschlägt, finde ich es großartig, dass er gedreht wurde. Die Botschaft ist glasklar: wenn Menschen, deren tägliches Geschäft die Mode ist, ihre Vorbildfunktion und Reichweite nutzen, um Aufmerksamkeit für eine Thematik wie diese zu schaffen, kann das nicht so ganz verkehrt sein.

Es geht hierbei nämlich um ein Problem, das wir alle nur allzu gerne als unumgänglich entschuldigen und als gegeben hinnehmen. Auch die Blogger neigen zu Beginn ihres Aufenthaltes dazu die schlechten Lebensbedingunge der Menschen in Kambodscha damit abzutun, dass diese es ja nicht anders gewohnt seien. Wenn man sich zu fragen beginnt, warum sie es nicht anders gewohnt sind, fängt man aufgenblicklich an das System dahinter anzugreifen. Ja, man neigt unweigerlich dazu, die Schuld von sich zu weisen und sie den bösen Großkonzernen zuzuschieben. Das ist meiner Meinung nach aber nicht der richtige Weg, denn diese sind nun mal – was keine Entschuldigung, aber einfach mal Fakt ist – eben auch wirtschaftlichen Anforderungen unterworfen. Deswegen sollte man vorerst mal sich selbst und der eigenen bequemen Eitelkeit an die Nase fassen. Denn wer freut sich nicht schöne Kleidung hin und wieder auch mal günstig zu erstehen? Wer möchte (und ich sage an dieser Stelle absichtlich nicht kann, denn Möglichkeiten gibt es genügend) es sich leisten ausschließlich fair produzierte Klamotten zu kaufen? Woher weiß ich überhaupt, dass – plakativ ausgedrückt – an der Kleidung, die ich trage, kein Blut klebt? Garantiert mir der teure Preis von Designerware auch wirklich, dass sie ethisch und moralisch einwandfrei erzeugt wurde? Nützt es den Arbeiterinnen in Kambodscha überhaupt etwas, wenn ich all jene Marken, die Aufträge an sie vergeben, vermeide oder macht das alles nur noch schlimmer?

Der Film wirft viele Fragen auf und gibt eigentlich kaum Antworten. Ich denke aber, dass er ein guter Reminder ist das eigene Kaufverhalten zu überdenken und allgemein den gesellschaftlichen Diskurs auf ein höheres Level zu heben. Blogger Ludvig sagt in der letzten Folge der Webserie einen wichtigen Satz: „Hier hungern Menschen, damit ich mir bei H&M ein T-shirt um zehn Euro kaufen kann.“ Die Welt ist einfach nur unglaublich unfair. Aber die Welt kann man verändern, wenn man nur möchte. Veränderung ist immer ein Prozess. Nichts passiert von heute auf morgen.  Wichtig ist aber, dass wir irgendwann anfangen globale Misstände nicht nur wahrzunehmen, sondern diese Schritt für Schritt zu beheben. Tut einen ersten in die richtige Richtung –  hier könnt ihr euch die fünf Episoden selbst auf der Seite von Aftenposten ansehen.

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