GEDANKENSPIELE/Generation Y/Liebe & Freundschaft

Vom Leben planen. Und warum sich Mittzwanziger entspannen sollten

„Ich habe Angst, dass ich mir in ein paar Jahren, so mit dreißig oder so, denke, dass ich irgendetwas falsch gemacht habe“, sagt meine Freundin L. und lacht den unerfreulichen Gedanken im nächsten Augenblick beinahe etwas ertappt weg. Eigentlich ist es ihr damit aber ziemlich ernst. Ich denke sie verspürt ganz einfach den Druck, den wir Mittzwanziger uns nur allzu gerne machen.
Wir sind keine Teenies mehr und das erhabene Gefühl von der Anfangszeit als Studierende, dass uns alles und jeder offen steht, wir uns nicht festlegen müssen, ja gar vogelfrei sind, ist über die letzten Jahre kontinuierlich, aber spätestens irgendwann zwischen der Bacheloreinreichung, dem letzten Kindergeld und dem ersten richtigen Job unwiderruflich verloren gegangen.

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Der Anspruch: wir sollen jetzt bitte schön ganz schnell mal erwachsen werden. Wir sollen nicht nur, weil die Gesellschaft es von uns erwartet, sondern wir wollen es ja auch, wir stellen diese Forderung an uns selbst. Wir haben genug experimentiert und uns ausgetobt. Daher glauben wir zu wissen, was gut für uns ist. Ziele für Job, Freizeit und Liebe haben wir uns alle, mehr oder weniger bewusst, gesteckt. Und mit dem Wissen darum, wer man sein möchte, scheint plötzlich alles so verbindlich, so fix, in Stein gemeißelt. Wir wollen einen Job, aber nicht nur irgendeinen, sondern einen, der uns Spaß macht, Karriere verspricht und genug Kohle für mindestens einen Winter- und einen Sommerurlaub bringt. Wir wollen endlich raus aus unseren WGs. Ein richtiges eigenes Heim muss her. Ganz so, wie es sich eben gehört, wenn man auf die 30 zugeht. Leistbar muss es sein, aber vor allem auch schön: hohe helle Räume, viele Fenster, Badewanne und Balkon wären natürlich auch nicht schlecht. Dazu dann bitte noch den richtigen Partner an unserer Seite, denn vermutlich beginnt jetzt ohnehin bald mal die biologische Uhr zu ticken und wir haben uns sagen lassen, dass so ein oder zwei kleine Wonneproppen zum Lebensglück einfach dazugehören.

Geraume Zeit unterhalten L. und ich uns also über unsere Zukunft, tauschen unsere eigenen Lebensplanungen und die Zukunftsvisionen von Freunden und Bekannten aus, schieben sie von links nach rechts und beäugen sie von oben und unten. Wir stellen fest, Gespräche wie diese führen wir beide momentan auch mit vielen anderen Freunden. Irgendwie landet man früher oder später immer bei denselben Themen.

L. hat also Angst. Dabei ist sie die erste in meinem engeren Freundeskreis, die gerade eine eigene Wohnung bezogen hat und sich seit längerem in einem tollen und vor allem ganz passabel bezahltem Job hält. Warum also? Weil A. und J. dafür gefühlte 123 Mal der Uni und des Berufes wegen im  Ausland unterwegs waren, I. und S. sich gerade für Dokoratsstellen bewerben, Paar AB zum zweiten Mal schwanger ist und Paar XY bestimmt bald nachzieht. Je mehr Freunde sich nach und nach selbstverwirklichen, ihre persönlichen Traumjobs an Land ziehen, ihre bessere Hälfte finden oder wirklich ein Baby kriegen, desto höher wird der Druck mitzuziehen. Karriere, Kind, Hund und Haus  – alles, was uns von außen als Lebenziel vorgegeben wird, bitte einmal zum mitnehmen und das aber schön der Reihe nach, sonst geht nämlich unser heiliger Plan kaputt. Gegenwärtige Entscheidungen sollen vor allem unseren späteren Zufriedenheitszustand beeinflussen. Alles hat seine Vorlaufzeit und deswegen scheint die Frage, für welchen Job, welche Wohnung und welche Person, wir uns zu welchem Zeitpunkt entscheiden, so wahnsinnig wichtig zu sein.

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Wir neigen nur allzu gerne dazu, uns ständig vor Augen zu führen, was wir – im Vergleich mit anderen – noch nicht erreicht haben und blicken selten glücklich auf all das, was wir schon geschafft haben. Generell fehlt es uns schwer glücklich zu sein, denn Glück ist zumeist etwas, das uns nur wieder genommen werden kann und das macht Angst. Deswegen suchen wir uns stetig Neues, das noch fehlt, für die Erreichung des ganz persönlichen Glücks. Singles wünschen sich eine Beziehung, Vergebene fragen sich, ob sie etwas verpassen. Reisende vermissen Stabilität in ihrem Leben, Menschen, die sich niedergelassen haben leiden unter Fernweh und Abenteuerlust. Alte Freunde möchten neue Freunde und neue Freunde vermissen ihre alten. So ziemlich alle Menschen in meinem Alter haben dauernd Angst, dass sie nicht alle Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, wahrnehmen, dass das, wofür sie sich dann entscheiden möglicherweise alles in allem doch nicht das Richtige ist, dass sie etwas verpassen.

Solche Zweifel sind etwas Natürliches. Wir sollten sie also zulassen. Oft schwirren uns in Bezug auf unseren Lebensweg alles hinterfragende Gedanken im Kopf herum, die wir gar nicht verstehen, weil eigentlich doch eh alles schon passt so wie es gerade ist. Dennoch zeigt unser Hirn uns alle möglichen Optionen auf. Wir gehen gerade Weg A, aber B und C könnten ja auch ganz schön sein. Schön können sie ja sein, aber wahr oder gar das Richtige für uns? Das muss nicht sein. Manche Gedanken hat man vermutlich einfach nur, weil es interessant ist diese mal durchzudenken. Das sind dann die  berühmt-berüchtigten „Was wäre wenn?“-Momente, in denen man sich sein eigenes Leben in einer ganz anderen Version vorstellt.

In dieser sich immer schneller drehenden Spirale des Erwachsenenwerdens oder Erwachenwerden-Wollens vergessen wir ganz oft mal wieder durchzuatmen. Uns zu entspannen. Nicht alles so verdammt ernst zu nehmen. Nicht alles zu Tode zu reflektieren. Auch mal zu scheitern, ohne uns dafür zu hassen. Uns mit unseren Fehlern zu akzeptieren. Trennungen und Niederlagen anzunehmen und auszuhalten, ohne alles sofort wieder glatt bügeln zu wollen. Und: unseren verdammten Selbstoptimierungszwang und Größenwahn mal für kurze Zeit beiseite zu legen. Denn: wir sind erst Mitte 20 und ich finde dafür meistern wir alles ganz schön gut. Es kann nicht nur noch so viel kommen, es wird noch so viel kommen – beruflich wie privat. Natürlich hat es keinen Sinn vollkommen planlos durch die Welt zu marschieren, von Tag zu Tag zu leben und sich um nichts Gedanken zu machen. Dennoch glaube ich, dass wir uns in Bezug auf unsere Zukunft oft total unnötig stressen und der überall herrschende Planungsdruck uns schön aber langsam kaputt macht. Wenn Generation Y so weitermacht, haben wir mit Anfang 30 zwar alles, was wir uns vorgenommen haben, vom Traumjob über die pausbäckigen Kinder bis hin zum hübschen Zweitwohnsitz im Grünen, erreicht, uns selbst auf dem Weg dahin aber irgendwo verloren.

Wir sind Menschen und keine Maschinen. Ich denke an manchen Tagen sollte man sich daher auch mal erlauben zu sagen „Fuck it! Ich habe getan, was ich konnte“ und es dabei beruhen lassen. Das Leben ist nämlich zu kurz sich über die eigene Menschlichkeit zu ärgern. Es ist nur natürlich, dass wir auf der Lifestyleleiter kontinuierlich nach oben steigen möchten, aber anzunehmen, dass, wenn man noch diese und jene Stufe zur rechten Zeit erklimmt, oben das ultimative Glück wartet, ist meiner Meinung nach ein schrecklicher Trugschluss. Wer daran glaubt, bleibt im ständigen Status der Selbstoptimierung hängen. Wir verbessern uns, bis alles perfekt ist. Das Probem mit dem Perfekten ist allerdings, dass man es gar nie erreichen kann. Nichts ist ein Dauerzustand und deswegen sollte man besser mal so gut wie möglich den Weg genießen, denn der Weg ist ja bekanntlich das Ziel.

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7 Kommentare zu “Vom Leben planen. Und warum sich Mittzwanziger entspannen sollten

  1. Wie wahr, wie wahr.. und dennoch so schwer. Kaum ist das erste Ziel erreicht, schon starrt man verzweifelt auf den Weg zum nächsten und beschwert sich nur, wie schwer es bis dahin sein wird. Man kann sich kaum noch an erreichtem erfreuen, sondern sieht nur, was der neben einem schon alles geschafft hat.
    Man sollte sich wohl ab und zu mal wieder bewusst machen, was man alles schon erreicht hat..und dann stolz auf sich sein ;)

  2. Pingback: 365 Tage diebloggerin – ein Fazit | die bloggerin

  3. Na, da brauch‘ ich ja gar keine Angst mehr zu haben, auch eines Tages mal Mittzwanzig zu sein :) Du sprichst aber genau das aus, was ich mir auch denke und worüber ich auch des öfteren mit einem meiner besten Freunde spreche, der nun 26 geworden ist. Wozu soll er sich mit Paar XY vergleichen, das nun Mitte 20 ist und in die erste gemeinsame Wohnung zieht, wenn er das Single-Dasein gar nicht so schlecht findet? Warum sein Gehalt mit dem von XY vergleichen, wenn man seinen Job gerne macht? Ich denke, an all die Sachen sollte man locker herangehen und sich auf den Moment freuen, wo sich alles von selbst ergibt, ohne dabei ständig auf das ach so fortgeschrittene Leben der anderen zu schauen.
    Mir gefällt dein Schreibstil sehr! :)

    • Hallo Jim! Vergleichen bringt wirklich nichts, einfach mal zufrieden sein mit dem was man geschafft hat, jeder ist in einer anderen Situation und hat andere Voraussetzungen etc. In sich hineinhorchen, was man will und was nicht, bringt einem viel weiter. Das wünsche ich dir auch für deine Reise nach Norwegen und natürlich eine unvergessliche Zeit und viel Spaß!

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