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(beach)ready or not …

Es ist wieder Sommer. Eingeläutet hat sich dieser mit den alljährlichen Schlagzeilen wie „In drei Steps zum perfekten Po“, „Beachready in zwei Wochen“, „Fünf Superfoods für strahlende Haut“ oder „Sieben Tipps gegen Cellulite“. Anleitungen wie diese zielen auf die Unsicherheit mit unserem eigenen Körper ab und treiben ein böses Spiel mit ihr. Denn, selbst wenn wir unser äußeres Erscheinungsbild im Großen und Ganzen relativ ok finden, schafft es „Beachready in zwei Wochen“ geepaart mit den üblichen Sixpack- und Thigh-Gap-Bildchen unseres Instagramfeeds dennoch  unseren Selbstoptimierungsdrang zu reizen.

beachbodyhauptDas trifft auch auf viele meiner Freunde und mich zu. Wenn ich so darüber nachdenke, ist niemand in meinem Freundeskreis, ob männlich oder weiblich, wirklich zufrieden mit seinem Körper. Bei allen gibt es bestimmte Körperpartien, die sie sich schlanker, straffer, besser definiert oder gar richtig schön muskulös wünschen. Und das gerade jetzt ganz besonders! Jetzt, wo der Sommer vor der Tür steht, die Kleider kurz, die Hosen noch kürzer, die Arme und der Bauch freigelegt werden, wird die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bei vielen immer deutlicher. Deswegen geht L. täglich zwei Stunden laufen, P. verbringt mehr Zeit im Fitnesstudio und Solarium als irgendwo anders, S. knabbert neuerdings nur noch an Gemüse und Nüssen herum und ich selber mache gerade ein 5-Tage-Detox, um meinen Körper zu entgiften. Das alles ist  eigentlich ja ganz schön und gut, geht es ja darum gesünder zu leben und fit zu sein.

Dennoch richten wir unser Leben danach aus, nennen die Tatsache, dass wir   Diät halten und wöchentlich ein bestimmtes Pensum an Sportübungen absolvieren „Lifestyle“ und geben dafür meistens auch noch jede Menge Geld aus. Fast Food kommt nicht in die Tüte, Essen nach 18 Uhr schon gar nicht und das Kalorienmonster Alkohol ist der größte Feind. Halten wir uns mal nicht an die uns selbst auferlegten Regeln, glauben wir die negativen Auswirkungen dessen sofort zu spüren. „Mach mehr Sport!“, ächzt die Lunge, nachdem wir sechs Stockwerke eilig zu Fuß hochgestiegen sind,  „CLEAN EATING!“, schreit die kleine Speckrolle am Bauch und „Mir ist übel! Ich kann heute keinen Bissen zu mir nehmen …“, flüstert der Kater am Morgen nach der durchzechten Nacht.

eatingWir fühlen uns miserabel. Unser Körper ist ein Tempel und wir haben ihn gerade wie den letzten Dreck behandelt. Schon werden Pläne geschmiedet, um alles wieder gut zu machen. Wir kaufen einen Smoothiemaker und frühstücken jetzt nur noch in flüssiger Form. Wow! So viel vitaminöse Energie schon gleich nach dem Aufstehen. Wir probieren eine neue Laufapp, trainieren auf den nächsten  Halbmarathon und fühlen uns geschmeidig wie ein Gepard. Wir ernähren uns wie Steinzeitmenschen (Stichwort Paleo), verzichten eine Weile auf Industriezucker, Weizen oder weiß der Kuckuck was und schmecken danach alles plötzlich viel intensiver. Wir machen eine überteuerte Saftkur und fühlen uns wie neugeboren.

Ich frage mich ernsthaft, wann wir angefangen haben dem Körper so große Aufmerksamkeit zu schenken? Klar, definiert sich der Mensch seit jeher auch über sein Äußeres, dennoch glaube ich kaum, dass unsere Mütter und Väter so versessen darauf waren, bestimmte körperliche Schönheitsideale zu erfüllen wie wir. Womit das zu tun hat? Vermutlich damit, dass sie nicht so internetverseucht aufgewachsen sind wie wir. Dank diesem vergleichen wir uns nämlich mit allen anderen, ja mit der ganzen Welt, und eben nicht nur mit unseren Freunden L., P. und S. Anders als im realen Leben präsentieren auf diversen sozialen Netzwerken aber hauptsächlich die vorbildhaftesten Menschen  ihre Waschbrettbäuche, Obstteller und kunstvoll arrangierten Müslischalen. Dabei geben sie dir das Gefühl, dass du das auch schaffen kannst. Wenn die das hinkriegen, dann kriegst du das ja wohl auch gebacken. Fünfmal in der Woche zum Sport schaffst du nicht? Kohlenhydratreduzierte Ernährung macht dich unglücklich? „Quatsch, du bist nur faul und undiszipliniert“, ermahnst du dich selbst und ziehst dir zur Motivation noch ein paar Fitness-Videos auf Youtube rein.

diätWarum wir uns das antun? Längst nicht mehr nur um bis zur Badesaison die üblichen lästigen zwei bis drei Kilo Winterspeck loszuwerden. Es geht um viel mehr. Es geht darum sich und den eigenen Körper unter Kontrolle zu haben. Darum den inneren Schweinehund nicht nur zu überwinden, sondern sich seine Existenz nicht mal an schlechten Tagen einzugestehen. Es geht darum ein Leben wie im Bilderbuch zu leben und in diesem haben ein Double-Cheeseburger nachts um eins und dein Couchpotatoe-Dasein schlichtweg nichts verloren. Sie passen nicht in das Bild des aktiven und gesunden Menschen, das uns täglich aus Facebook und Instagram entgegenspringt. Soziale Netzwerke geben uns das Gefühl im Leben andere live dabei zu sein. Nur zu gerne vergessen wir dabei, dass das Ganze gerade bei den Menschen, die wir am meisten bewundern, eine riesengroße Inszenierung ist und meistens noch ein gewaltiges Geschäft dahintersteht.

Gerade in letzter Zeit denke ich mir immer öfter, dass dieser ganze Gesundheitszirkus kombiniert mit einer ordentlichen Portion Sportsucht und dem allgegenwärtigen Schönheitswahn langsam aber sich Überhand nimmt. Es kann einfach nicht glücklich machen tagein tagaus danach auszurichten irgendwelchen selbstauferlegten Regeln zu folgen. Ganz abgesehen davon ist das neben einem Job, der Uni und einem halbwegs erfüllten Sozialleben auch zeitlich schlichtweg schwer machbar. Deswegen sollten wir alle nicht so streng mit uns sein und den ganzen Quatsch auf keinen Fall deshalb mitmachen, um einem bestimmten Bild zu entsprechen, sondern wenn, dann um unser Wohlgefühl möglichst hochzuhalten. Auch wenn es dabei lediglich darum geht, sich für die sommerlichen Tage etwas in Schuss zu bringen, halte ich das nicht für verwerflich. Ganz im Gegenteil, finde ich es durchaus verständlich, dass man sich gerade in der Saison, in der man die meiste Zeit halbnackt herumrennt, in seinem Körper gut fühlen möchte.

beachluckDennoch: der Sommer ist viel zu schön, um sich von kleinen Unperfektheiten die gute Laune verderben zu lassen. Aussehen wie Fitnesstrainer und Personal-Coach-trainierte Superstars werden trotz allen Anstrengungen und Bemühungen sowieso nur die allerwenigsten von uns. Deswegen plädiere ich für mehr Lockerheit und für weniger Gedankenverschwendung daran, was wir an unseren Körpern noch weiter verbessern könnten. Der Sommer ist da, das Leben ist schön! (Beach)ready or not: geht raus und genießt es!

2 Kommentare zu “(beach)ready or not …

  1. Pingback: 5 Tage Detox – und jetzt? | die bloggerin

  2. Pingback: Ernährungs- und Fitnessblogs am Sonntag, 14.06.2015

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