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Mut zum Bluten! – Die kulturelle Menstruationsangst

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Wir Frauen sind so vielfältig wie die Fische im Wasser, die Blumen im Wald oder die Wolkenformationen am Himmel. Was uns trotzdem alle eint, ist die simple Tatsache, dass wir einmal im Monat bluten. Eigentlich ist das die natürlichste Sache der Welt, dennoch ist die Periode nicht unbedingt ein lockeres Plauderthema im Alltag. Selbstverständlich haben wir uns mal mit der Mama oder unserer besten Freundin darüber unterhalten – das dann aber stets hinter vorgehaltener Hand und mit leichtem Unbehagen, denn Grund zur Thematisierung gibt es meist nur dann, wenn die Regel problembehaftet ist. Auch gegenüber dem Partner wird das Ganze eher nur im Ausnahmefall – beispielsweise wenn die Blutung ungeplanterweise ausfällt – ausführlicher besprochen. Die Idee vor anderen Personen die eigene Menstruation zu erwähnen oder diese gar in der Öffentlichkeit vor Fremden zu thematisieren, liegt uns mehr als fern.

Die Menstruation gilt in unserer ach so aufgeklärten Industriegesellschaft also nach wie vor als absolutes Tabu-Thema. Das ist eigentlich auch gar nicht verwunderlich, denn, blutet eine Frau, so vermeidet sie nicht nur Gespräche darüber, sondern tut das auch heimlich und ganz, ohne dass irgendjemand etwas davon sieht, spürt oder gar riecht. Gehen mit der Regel Schmerzen einher, so gibt es dafür mittlerweile eine ganze Reihe an kleinen Helferchen in medikamentöser Form, damit die Frau, auch wenn sie ihre Tage hat, genauso gut funktioniert wie sonst. Die Menstruation und alle Umstände, die mit ihr verbunden sind, empfinden Frauen im Allgemeinen als lästig. Sie ist ihnen unwohl und nicht selten peinlich. Nimmt man eine Schmerztablette gegen Bauchkrämpfe, so passiert das ebenso unauffällig wie der Griff nach den Tampons in die Handtasche vor dem Gang zur Toilette.

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Vor dem Hintergrund dieser ganzen kulturellen Geheimniskrämerei um so ein natürliches Thema wie den weiblichen Zyklus, habe ich nicht schlecht gestaunt über den jüngsten Selfie-Trend. Junge Mädchen, Frauen und mittlerweile auch einige Männer posten ein Selbstportrait mit einem unbenutzten Hygieneartikel. Von Schamgefühl kann dabei keine Rede sein, schließlich geht es – so die postenden Personen – doch nur um ein Tampon. Entsprechend lautet der dazugehörende Hashtag, der derzeit das Netz erobert, auch #JustATampon. Ins Leben gerufen wurde die Kampagne von der britischen Wohltätigkeitsorganisation „Plan UK„. Ihre Erfinder möchten damit erreichen, dass Frauen offen und ohne Hemmungen über ihre Menstruation sprechen können. Bei den Selfies geht es nicht nur darum ein Tabu zu brechen, sondern die Aufmerksamkeit für anhaltende Geschlechterdiskrimination zu schärfen.

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Egal, ob wir nun Selfies mit vor unseren Nasen baumelnden Tampons posten oder nicht, in den meisten Köpfen wird es noch etwas dauern bis die dahinterstehende Message ankommt. Wirft man einen Blick in die Kulturgeschichte der weiblichen Menstruation ist das kein Wunder. Alten Aberglauben nach galt das Menstruationsblut über lange Zeit hinweg als schädlich oder gar giftig und die blutenden Frauen wurden diversen religiösen Ansichten zufolge als unrein und sündig abgestempelt. In vielen Ländern und Völkern  dieser Welt wird auch heute nicht nur nicht über die Regelblutung gesprochen, sondern Frauen gelten wegen dieser nach wie vor als schmutzig und werden deshalb diskriminiert. Mangelhafte Aufklärung, fehlende Akzeptanz und nicht vorhandene Hygieneartikel sind vielerorts also ein reales Problem. Die Organisation „Plan UK“ ruft daher auch auf zu spenden. Mit einer Einzelspende von nur drei Pfund kann eine Frau in Uganda beispielsweise ein Jahr lang mit Sanitätsartikeln versorgt und über diese aufgeklärt werden. „Hey, es ist doch nur ein Tampon“ kriegt im Zusammenhang damit, dass 88 Prozent aller Mädchen und Frauen weltweit nicht ausreichend mit Hygieneartikeln versorgt sind, während sie bluten, also nochmal eine ganz neue Bedeutung.

Erste TV-Werbung für Tampons in Deutschland

Die Tampons sind die eine Sache, das Blut die andere, mit der die Menschheit so ihre Probleme hat. Ist euch schon mal aufgefallen, dass in Werbespots für Hygieneartikel, Binden und Tampons immer mit dieser blauen Flüssigkeit begossen werden? Harmlose blaue Flüssigkeit, die farblich von Regelblut nicht weiter entfernt sein könnte. Warum? Weil Blut die Menschen per se zu ängstigen oder zu ekeln scheint. Blut assoziiert man mit Wunden, Schmerzen und der eigenen Verletzlichkeit. Frauen, die bluten, sind aber nicht krank, sondern – ganz im Gegenteil – zeugt die Menstruation doch davon, einen gesunden, geschlechtsreifen und daher zeugungsfähigen Körper sein Eigen nennen können. Und einmal im Monat räumt der weibliche Körper eben auf. Er stösst ungenutzte Gebärmutterschleimhaut ab und bereitet sich erneut darauf vor, einer befruchteten Eizelle den perfekten Ort für ihr Heranreifen zu bieten. Während dieser Zeit blutet die Damenwelt ein paar Tage. Hochgerechnet erleben Frauen diesen ganzen Spaß an die 500 Mal in ihrem Leben und befinden sich somit zusammengerechnet sechs Jahre in dieser blutigen Phase ihres Zyklus.

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Igitt. Das meinte zumindest Instagram vor einigen Wochen. Die kanadische Künstlerin Rupi Kaur nahm es sich nämlich heraus der Welt über die Foto-App zu zeigen, was für Frauen einmal monatlich zum Alltag gehört und postete die Rückenansicht einer vollständig bekleideten Frau in Jogginghose auf dem Bett liegend. Das Problem daran: an Hose und Bettlacken war jeweils ein kleiner Blutfleck erkennbar, Instagram empfand das Ganze offenbar als anstössig und löschte das Bild daher mehrmals. Erst auf Rupis Anfrage hin, warum ein Bild, das die Regelblutung der Frau visualisiere, gegen die Richtlinien verstoße, während Fotos halbnackter minderjähriger Mädchen okay wären, brachte die Instagramleute dazu ihre Aktion zu überdenken und das Posting doch zuzulassen.

Die Zensur von Instagram zeigt, dass eine reale Veranschaulichung der weiblichen Periode weiterhin tabuisiert ist und es hier doch noch einiges aufzuarbeiten gibt. Und das scheint im Netz gerade zu passieren. Es gibt hier und hier witzige Video, in denen Mädchen ihre erste Periode faken und seit geraumer Zeit existiert sogar eigens ein Tumblr namens itsgreattomenstruate, der vor allem mit dem „Period Project – einer Reihe symbolischer Bilder weiblicher Menstruation – bekannt wurde.

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Blutet der weibliche Körper einmal im Monat, so freut sich bestimmt keine Frau besonders darüber. Sieht nicht schön aus, fühlt sich auch nicht gut an und nervt. Mehr noch nervt es aber, so zu tun, als gäbe es das nicht.

2 Kommentare zu “Mut zum Bluten! – Die kulturelle Menstruationsangst

  1. Pingback: Ernährungs- und Fitnessblogs am Sonntag, 18.06.2015

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