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Generation Smartphone

Jetzt mal ganz ehrlich: Wann habt ihr eure Smartphones das letzte Mal ausgemacht? Also ich meine jetzt wirklich komplett aus. Es auf lautlos zu stellen zählt nicht, ebenso wenig gilt der Flugzeugmodus während eurer letzten Reise oder das eine Mal als vor ein paar Wochen unterwegs euer Akku unkalkulierterweise einfach flöten ging. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine derartige Aktion bei den meisten von euch schon eine ganze Weile her ist. Viele haben ihr Handy vielleicht noch gar nie bei vollem Bewusstsein und aus freien Stücken abgedreht. In diesem Fall kann einem beim Gedanken daran schon etwas mulmig, um nicht zu sagen Angst und Bange, werden.

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So jedenfalls ging es mir, als vor ein paar Wochen, mein Handy nach über drei Jahren, in denen es unzählige unsanfte Umgangsformen meinerseits geduldig ausgehalten hatte, beschloss, dass der Sturz auf hartes Teer mein letzter Fehltritt ihm gegenüber sein sollte. Es verabschiedete sich kurzerhand in den Handyhimmel und ließ mich, die ich gerade nicht das nötige Kleingeld für ein neues mobiles Gerät auf der Seite hatte, so überfordert zurück, dass ich doch tatsächlich ein paar Tränen verdrückte. Diese waren schnell getrocknet, als ich übergangsweise ein etwas älteres Modell geliehen bekam, mit dem ich zumindest mal telefonieren und Kurznachrichten schreiben konnte.

Wenige Tage später ging meine Heulerei aber prompt in die zweite Runde. Warum? Weil mir unweigerlich klar geworden war, dass das Handy für Menschen meiner Generation in der Regel eben schon lange viel mehr ist, als lediglich ein Ding, mit dem wir mal eben einen Anruf erledigen oder eine SMS schreiben. Nein, das Handy ist rein gefühlsmäßig mehr so etwas wie ein verlängerter Arm. Es gehört zu uns, ist ein Teil von uns. Ohne Handy fühlen wir uns amputiert, unvollständig, fehlerhaft. Unsere Generation ist mit Handys, die von Jahr zu Jahr funktionsreicher wurden, groß geworden und während wir diese als Zwölfjährige hauptsächlich zum SMS schreiben und vielleicht noch zum Snake spielen benutzten, machen wir mittlerweile einfach alles damit. Und wenn ich sage alles, dann meine ich auch wirklich ALLES! Wir lesen Onlineausgaben diverser Zeitungen, schauen noch schnell nach, wann die nächste Bahn kommt, kaufen bei H&M online, was in der Filiale nicht mehr in der richtigen Größe zu finden war, schicken Mama ein Selfie von der neuen Frisur und chatten in Echtzeit mit Freunden am anderen Ende der Welt. Zusätzlich wecken uns die kleinen Geräte jeden Morgen auf, erinnern uns an wichtige Termine, sagen uns, wie das Wetter am Wochenende wird oder, dass ein Paket bei der Post abzuholen ist.

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Handys vernetzen uns und organisieren unser Leben. Eine Existenz ohne sie? Das ist mittlerweile nur schwer vorstellbar. In der Mobilität liegt die Zukunft und durch das Handy ist diese Zukunft im Hier und Jetzt jederzeit erreichbar. Tausende großartige Apps haben unser Leben bereichert und alle unsere Lebensbereiche durchdrungen. Handys sind eine großartige Erfindung und vereinen unzählige technische Meisterleistungen in sich. Mit einem Handy fängt man sich die ganze Welt in der Hosentasche ein. Das ging mir bei meinem Old-School-Handy gewaltig ab, obwohl ich jahrelang nur Handys, die einfachste Funktionen erfüllten, mein Eigen nennen konnte. Das tote Handy war das allererste Smartphone meines fünfundzwanzigjährigen Lebens, womit ich im Smartponebereich ohnehin schon den Spätzündern zuzurechnen bin. Eine Spätzünderin, die aber schnell Gefallen an dem ganzen Schnick-Schnack fand, um nicht zu sagen als tendenziell suchtgefährdet eingestuft werden könnte. Vielleicht noch nicht wirklich süchtig, aber sehnsüchtig gedachte ich all dem, was mir mein treuer Begleiter täglich ermöglicht hatte, wie er mich unterhalten und was er mir abgenommen hatte.

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Ich vermisste es morgens in meinem Instagramfeed die hübsch dekorierte Müsli-Schüssel von Ida aus Schweden zu sehen. Es ging mir ganz gehörig auf den Zeiger, dass ich nicht mehr mitbekam, was in meinen Whatsapp-Gruppen so diskutiert wurde und, dass ich beim Versenden einer SMS nicht sehen konnte, ob mein Gesprächspartner die Nachricht schon gelesen hatte, geschweige denn, wann dieser zuletzt online gewesen war. Es nervte mich fremde Menschen nach dem Weg zu fragen, statt auf Google-Maps nachzusehen und noch mehr nervte mich meine Unfähigkeit mich dem Belauschen der Gespräche anderer Fremder in der U-Bahn nicht einfach durch das Zustöpseln meiner Ohren und dem Aufdrehen von Musik entziehen zu können. So verbrachte ich voller Selbstmitleid ein paar übellaunige Tage, bis ich mich schließlich – wie könnte es auch anders sein – an meinen ungewollten Digital Detox gewöhnte. Ich stellte mir wieder einen richtigen Wecker, zeichnete mir Wege zu noch unbekannten Zielen, bevor ich das Haus verließ, auf und schätzte meinen analogen Terminkalender mehr als je zuvor. Ich hatte plötzlich unglaublich viel Zeit über bestimmte Dinge nachzudenken und ich musste denken, weil ich nicht einfach mal schnell googeln konnte. Augen und Ohren, die ich sonst unterwegs großteils auf mein Smartphone gerichtet hatte, verweilten nun wieder in der realen Welt und fanden an so manchen Beobachtungen Gefallen, weil Menschen an sich einfach interessant sind und die Welt im Großen und Ganzen wirklich schön ist. Gespräche mit Freunden wurden nicht mehr durch Handy-Vibrationen unterbrochen, Gespräche übers Handy erfolgten großteils telefonisch und mir fiel auf wieviel netter es ist, wenn dir eine Person direkt ins Ohr lacht anstatt dir ein entsprechendes Emoji zu senden.

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Wir haben uns selbst darauf trainiert, Ablenkung von der alltäglichen Langeweile in den flimmernden Handybildschirmen zu suchen. Wir haben uns so an dieses Verhalten gewöhnt, dass wir es niemals wirklich ablegen können, nicht mal dann, wenn wir gerade etwas außerordentlich Schönes oder Aufregendes erleben. Ironischerweise glauben wir gerade in solch einzigartigen Momenten, ihre Besonderheit festhalten und sofort mitteilen zu müssen. Zeugnis von etwas zu haben wird wichtiger, als tatsächlich da zu sein, den Augenblick in vollen Zügen auszukosten und seine Tiefe und Bedeutsamkeit zu spüren. Der Blick auf unsere Smartphones hindert uns am Erleben des Lebens und nimmt uns eine Gegenwart die wir in der Form nicht so einfach wieder zurückkriegen. Deswegen: dreht das Ding doch öfters mal ab, lasst es einfach mal in der Tasche stecken oder legt es hin und wieder ganz bewusst aus der Hand. Denn – und das versichere ich euch aus eigener Erfahrung – das echte Leben hat in den meisten Fällen mehr zu bieten als der 25. Snapchat des Tages.

2 Kommentare zu “Generation Smartphone

  1. Also an mir ist dieser Smartphone-Trubel noch komplett vorbei gegangen. Aber meine Mutter ist schon voll auf den Zug aufgesprungen – und wenn Kindern die Eltern ermahnen müssen, mal das blöde Dinge wegzulegen, dann … hat die Welt sich irgendwie gedreht.

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