GEDANKENSPIELE/Gesellschaft & Soziales/Medien & News

Aylan

Letzten Donnerstag habe ich das Bild von Aylan zum ersten Mal gesehen. Von seinen kleinen Schuhen, der blauen Hose und dem roten Shirt. Aylan, der auf dem Bauch liegt, die Hände seitlich am Körper mit den Handflächen nach oben. Eine friedliche Position. Ein durch und durch unschuldiger Anblick. Auf den ersten Blick, einfach ein kleiner Junge, der tief und fest schläft. Das kann man sich aber maximal eine Millisekunde lang vormachen, dann stockt man unweigerlich, denn das dunkle Haar klebt nass am Köpfchen, das vom Wasser umspielt wird. Es kann nicht sein, dass er da in der Brandung liegt und schläft. Mein Herz beginnt unweigerlich schneller zu schlagen. Er muss beim Toben gestürzt sein, gleich springt der kleine Mann wieder auf und läuft weiter, rede ich mir ein. Aber auch mein zweiter gedanklichen Ausweg aus dieser immer offensichtlicher werdenden tragischen Situation lässt mein Hirn nicht zu. Mein Herz rast, plötzlich wird mir etwas sehr schmerzlich bewusst: Aylan ist nicht einfach irgendein Kind, abgelichtet beim Nachmittagsschläfchen am Strand oder in der Schrecksekunde des Hinfallens beim Fangenspielen mit seinen kleinen Spielkameraden, sondern ein Flüchtling aus Syrien.

Einer von vielen, die es nicht nach Europa geschafft haben, sondern auf der Überfahrt ertrunken sind. Aylans Leichnam, angespült im türkischen Bodrum, fasst diese permanente Katastrophe auf wahnsinnig subtile Weise zusammen. Die Wahrnehmung dessen tritt aber etwas verzögert ein und der Tod trifft uns hier gerade deshalb so unvermittelt, weil er erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. Ich glaube deshalb wühlt es uns auch so sehr auf. Das Bild löst starke Emotionen aus und wenn es zu wirken beginnt, dann mit voller Wucht. Aber nicht etwa deshalb, weil das, was man sieht, nicht zumutbar wäre. Nein, ganz im Gegenteil, man verspürt nicht, wie beim Anblick viel drastischerer Opferbilder, den unmittelbaren Impuls sich abzuwenden. Hier gibt es kein Blut, keine verstümmelten Körperteile, kein vom Wasser aufgedunsenes, von Schmerzen verzehrtes und von Leid gezeichnetes Gesicht. Dem Foto haftet keinerlei rohe Gewalt an, es ist an sich vorerst nicht abstoßend und auch nicht brutal. Der Leichnam strahlt in seiner Unversehrtheit eine herzergreifende Unschuld aus und liegt so still da, dass er lauter schreit als alles andere, was derzeit an Grausamkeit in den Medien und sozialen Netzwerken herumgeistert. Aus diesem Grund ist es für mich DAS Symbolbild des Flüchtlingsdramas, das Europa als Wertegemeinschaft momentan mehr als je zuvor in Frage stellt.

Leise klagt uns ein kleiner lebloser Kinderkörper, dafür, dass wir vor diesem Elend schon viel zu lange routiniert die Augen verschließen, an. Denn: Aylan ist nur einer von geschätzt 23000 Flüchtenden, die in den vergangen 15 Jahren sterben mussten, weil es für sie keinen sicheren Einreiseweg in die EU gab. 23000 ist eine irr hohe Zahl, die es trotzdem nicht schafft, uns so zu erschüttern wie Aylans Bild es tut. Seinetwegen spalten sich das Netz, Social Media Communities und Redaktionen weltweit. Wir diskutieren, ob man so etwas wirklich zeigen darf und inwiefern es hier um mediale Effekthascherei und Propaganda geht. Abgesehen davon, dass es darauf vermutlich ohnehin keine eindeutige und für alle geltende Antwort gibt, bin ich persönlich mir aber nicht einmal sicher, wie sinnvoll es ist, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Ich glaube nämlich, dass wir schon allein in der Beschäftigung mit ihr nur allzu gerne vergessen in welch privilegierter Position wir uns befinden. Aylan ist auf seiner Flucht gestorben, tausende Menschen vor ihm erlitten dasselbe Schicksal und was machen wir? Wir sitzen in unserer realitätsfremden Seifenblase und zerbrechen uns denn Kopf darüber, ob sein Bildnis möglicherweise zu viel für unsere zarten Gemüter ist, ob dieses Foto unverpixelt gezeigt werden darf und die Welt wirklich unbedingt sehen muss, wie sehr manche Menschen momentan leiden.

Ich sage: Wir sollten endlich aufhören zu reden und immer nur zu reden. Die Politik muss in der Flüchtlingsdebatte rasch zu menschenwürdigen Lösungen kommen. Unsere Schuldigkeit als Bürger und Bürgerinnen ist es, alles dafür zu tun, dass das besser heute als morgen passiert, unsere Pflicht als Menschen im Umgang mit Fliehenden und Geflüchteten ist es hilfsbereit, unvoreingenommen und verständnisvoll zu sein. Mit einem Blick auf den Wiener Westbahnhof, ist es nicht anmaßend zu sagen, dass wir in den letzten Tagen den richtigen Weg eingeschlagen haben, aber noch lange nicht am Ziel sind. Das ist erst der Anfang.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s