GEDANKENSPIELE/Liebe & Freundschaft

Von Relationship-Goals und Vergleichereien

Kürzlich sind KollegInnen und ich beim Mittagessen in einem Klatschmagazin über die Liste der „Zehn Superpaare“ gestoßen. Solche Powercouples sind in den Medien schon lange ein gern durchleuchtetes Thema und Brangelina und Co scheinen eine gewisse Faszination auf die Normalo-Leserschaft auszuüben, ansonsten würden sie nicht alle paar Monate wieder für diese und jene Story herangezogen werden. Dass Disney uns hoffnungslos unrealistische Vorstellungen von der romantischen Liebe vermittelt hat, haben wir natürlich alle schon längst durchschaut. Dass hingegen Hollywood und die Medien weiterhin dafür sorgen, in Zusammenhang mit bestimmten auf den Beziehungsthron katapultieren Promi-Paaren geheime Wünsche nach der rundum perfekten Ideal-Beziehung zu schüren, wurde mir spätestens bewusst, als die eigentlich immer sehr nüchterne K. plötzlich mit ganz verzücktem Gesichtsausdruck seufzte „Oh voll süß, lies mal, was der alles für sie aufgegeben hat! Und wie er sie umworben hat – das ist ja so romantisch!“ A. folgte ihrem Rat, befand im Anschluss an die Lektüre aber, dass ein anderes in der Aufzählung erwähntes Paar doch viel netter sei und ehe wir es bemerkten, waren wir ganz unvermittelt in einen Paarvergleich gerutscht. Als ich später so darüber nachdachte, fiel mir auf, dass solche Vergleiche von einer Beziehung mit der anderen eigentlich nichts Ungewöhnliches sind. Realistischerweise vergleichet man sich als Paar oder Teil eines Paares im Alltag lediglich mit Paaren im unmittelbaren Umfeld, also mit befreundeten Pärchen oder Paaren im Familien- oder Bekanntenkreis.

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Im Allgemeinen neigt der Mensch dazu sich gerne zu vergleichen. Als Einzelperson oder als Team: alle sind unterschiedlich, dennoch oder vielleicht gerade deswegen vergleichen wir uns relativ häufig mit anderen. Das liegt in der menschlichen Natur und die wissenschaftliche Erklärung dafür liefern Theorien wie jene des sozialen Vergleichs. Sie besagen, dass sich der Mensch permanent vergleicht, weil er das Bedürfnis hat, sich ein realistisches Bild von der eigenen Person zu machen. Da der Mensch sich selbst hauptsächlich im vergleichenden Austausch mit seiner unmittelbaren Umwelt und mit seinen Mitmenschen erfährt, sind es genau die dabei gewonnen Erfahrungswerte, die das Vermögen haben, unsere Selbstachtung zu bewahren, zu stärken oder über Bord zu werfen. Der Theorie zufolge gibt es abwärts und aufwärts gerichtete Vergleiche. Abwärts gerichtete Vergleiche finden statt, wenn man sein Selbstwertgefühl schützen möchte und sich daher mit Menschen vergleicht, die im interessierenden Merkmal unterlegen sind. Wenn man sich also mal wieder selbst beweisen will, was man für eine Sportskanone ist, vergleicht man sich mit einer Freundin, die nicht gerne Sport macht oder einfach prinzipiell nicht besonders fit ist. Aufwärts gerichtete Vergleiche stellen wir an, wenn wir wissen wollen, wie wir uns verbessern können und was es noch rauszuholen gibt – dann vergleichen wir uns mit Menschen, die uns im interessierenden Merkmal klar überlegen sind. Um zum Sportbeispiel zurückzukehren, da vergleicht man sich dann gerne mit der einen Freundin, die durch regelmäßigen Sport innerhalb kürzester Zeit ihr Zielgewicht erreicht und im Nu einen definierten Bauch hat, während man selbst die ewige Speckrolle nicht so leicht wegkriegt und einem von der Waage auch nach mehreren Wochen intensiver Trainingseinheiten immer noch dieselbe leidige Ziffer entgegen blinkt.

In unserer Selbstoptimierungsgesellschaft neigen wir üblicherweise zu Aufwärts-Vergleichen. Denn: wie sollten wir uns sonst auch selbst dazu pushen, an unsere Grenzen zu gehen, das Beste aus uns zu machen und uns sobald ein Ziel erreicht ist, ein neues zu suchen, um sich ja nie mit dem, was man hat, zufrieden geben zu müssen? So gesehen ist diese ganze Vergleicherei mit anderen verdammt überflüssig – man wird nämlich immer jemanden finden wird, der dies oder jenes besser kann, der erfolgreicher und beliebter ist oder um einiges besser aussieht. Sich zu vergleichen bringt in der Regel also nichts außer Minderwertigkeitskomplexen und schürt Neid. Das wissen wir eigentlich. Ebenso ist uns auch klar, dass wir alle einzigartig geboren werden, komplett unterschiedliches Genmaterial haben und differente Umwelt- und Lebensbedingungen ihr Übriges tun, um im Grunde genommen das Fundament jeden Vergleichs als nicht-existent zu entlarven. Dennoch: wir tun es! Wir vergleichen uns, unsere Jobs, unsere Gehälter, unseren Stil, unsere Attraktivität und unser Aussehen. Wir alle. Und manchmal vergleichen wir uns eben nicht nur als Einzelperson, sondern zudem unseren Partner oder unsere Partnerin und die Beziehung, in der wir uns befinden, mit anderen Beziehungen.

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Der Unterschied vom Einzel- zum Paarvergleich besteht darin, dass man sich als Einzelperson nur mit einer anderen Einzelperson vergleicht. Das ist dann meist eine, die einem selbst so ähnlich wie möglich ist: man sucht sich also Personen vom selben Geschlecht, im gleichen Alter und von ähnlicher gesellschaftlicher Stellung. Eine solche Person, mit der ein Vergleich rein oberflächlich betrachtet halbwegs Sinn macht, ist oft schnell unter den eigenen Bekannten gefunden. Als Paar ein Paar für einen solchen Vergleich zu finden ist rein logisch betrachtet weitaus schwieriger, denn schließlich stehen sich hier vier Personen und zwei Beziehungsmuster gegenüber. Und dabei sind die Beziehungsmuster  an sich schon so komplex und vielschichtig, dass ein Vergleich von Beziehung A zu Beziehung B beziehungsweise von Paar A zu Paar B noch mehr zum Scheitern verurteilt ist, als die Gegenüberstellung von Person A und Person B und somit wiederum total einleuchtend, dass das Ganze eigentlich eine total blöde Idee ist. Trotzdem tun wir es, vergleichen unsere Beziehung mit anderen, stellen dabei das eine oder andere Defizit fest, werden traurig, wütend und sind gerne mal unzufrieden, mit dem was wir haben. Denn schließlich könnten wir ja auch ein bisschen verliebter sein, generell mehr Zeit miteinander verbringen, ganz offizielle Datenights einführen, endlich gemeinsam eine tolle Reise machen oder uns versuchshalber mal einen Hund zu legen. Zusammengefasst: auch wir könnten schon die eine oder andere Stufe höher auf der Beziehungsleiter sein und dass wir es nicht sind, merken wir vor allem dann, wenn andere Paare den nächsten Schritt wagen.

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Außer Acht gelassen im alltäglichen Paarcheck wird dabei gerne, dass das befreundete Pärchen, welches gerade eine gemeinsame Wohnung bezieht schon seit der Schulzeit zusammen ist, während man selbst erstmal stolz darauf sein könnte, allen Hindernissen zum Trotz,  Einjähriges zu feiern. Ebenso leicht vergessen Paare, die schon lange zusammen sind, dass sie in den ersten Wochen auch kaum die Finger voneinander lassen konnten und dass die Tatsache, dass die anfängliche Verknalltheit in der Regel irgendwann verfliegt, nicht automatisch bedeuten muss, dass die Luft raus ist. Wie wir wissen ist der Mensch nunmal aber so, dass er immer gerne das hätte, was er gerade nicht hat – auch wenn das Timing und die Lebensumstände gerade überhaupt nicht dazu passen. So geschehen bei S. – eine ihrer Schulfreundinnen und deren Freund haben kürzlich geheiratet und sind schwanger und obwohl sich S. mit der gerade gestarteten Ausbildung einen langersehnten Traum erfüllt hat und deswegen mit ihrem Leben eigentlich vollauf zufrieden sein könnte, ertappt sie sich ständig dabei, darüber nachzudenken, warum sie wohl noch keinen Antrag bekommen hat und wie es wohl wäre auch schon so ein kleines Menschlein zu haben.

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Nicht nur die Beziehung an sich, sondern auch der Partner oder die Partnerin unterliegen bei solchen Vergleichen gerne der Gefahr ihr Fett wegzukriegen. Mein guter Freund K. zum Beispiel hat sich letztens darüber Gedanken gemacht, dass sich seine Freundin nie für ihn aufbrezelt. Seine Freundin ist ein sehr natürlicher und etwas burschikoser Typ – alle, die sie kennen, wissen, dass sich extrem zu schminken und in Miniröckchen und auf Stöckelschuhen durch die Gegend zu staksen absolut nicht ihr Ding ist. Auch ihr Freund weiß das und allem voran liebt er sie für ihre kumpelhafte und unkomplizierte Art. Er ist stolz darauf, dass sie eben nicht Stunden im Bad verbringen muss, um hübsch auszusehen, dass er nicht nur ganze Nächte mit seinen Freunden durchzocken darf, sondern sie voller Begeisterung mitspielt, und darauf, dass sie im Fitnessstudio mehr Klimmzüge schafft als die meisten seiner Kumpels. Was also war passiert? Einer seiner besten Freunde war kürzlich eine Beziehung mit einer blonden langbeinigen Make-Up-Artistin eingegangen und K. begann nun plötzlich die beiden Frauen zu vergleichen. Anfangs neidisch auf die optische Erscheinung seines Kumpels mit der lebendigen Barbie im Arm, wurde ihm, je öfters er die beiden zusammen erlebte, immer bewusster, dass er in seiner eigene Beziehung eigentlich genau jene Dinge schätzt, die bei den anderen allem Anschein nach nicht vorhanden sind. Jede außenstehende Person hätte ihm das von Beginn an sagen können, denn so unterschiedliche Charaktere zu vergleichen ist etwa so unsinnig wie das Vorhaben einen eckigen Kreis zeichnen zu wollen.

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Im Fall von K. brachte der Vergleich ihm im Endeffekt Bestätigung und hatte nachträglich betrachtet also sein Gutes. Trotzdem war ja auch er anfänglich durch das Vergleichen in Zweifel und Unzufriedenheit geraten. Dass beim Vergleich mit anderen Paaren gleich am Partner gezweifelt wird, ist und bleibt hoffentlich aber eher eine kränkende Ausnahme. Öfters passiert es wohl einfach, dass einem bestimmte Aspekte in einer anderen Beziehung auffallen, die man für erstrebenswert erachtet. Immer mehr Druck übt dabei auch die Beziehungsvermarktung über diverse Socialmedia-Kanäle aus. Während man selbst nämlich nach einer anstrengenden Woche zusammen einen unspektakulären und daher total mitteilungsunwürdigen Freitagabend auf der Couch verbringt, kann man sich easy nebenbei durch allerlei schamlose Knutschselfies, #instalove- und #realtionshipgoals-Bildchen von befreundeten oder auch fremden Paaren klicken. Während diese gerade zusammen die Welt bereisen, den Himalaya besteigen, stolz ihre Verlobungsringe präsentieren oder ihrem frisch geschlüpften Baby anlässlich der immer näher rückenden Weihnachtsfeierlichkeiten seine erste Mini-Fliege um den Hals binden, ist man selbst damit beschäftigt auszuhandeln, welche Netflixserie als nächstes dran ist. Zugegebenermaßen kommt in solchen Situationen dann schon auch mal schnell die Frage auf, ob manche Menschen eine spannendere Beziehung führen als andere, ob sie deswegen glücklicher sind, ihre Liebe größer und echter. Ganz außer Acht lässt man dabei gerne, dass es sich dabei um perfekt inszenierte Momentaufnahmen handelt und dass die Qualität einer Beziehung sich nicht an eben diesen seltenen und außergewöhnlichen Momenten oder Gesten zeigt, sondern daran, dass man sich tagtäglich wieder füreinander entscheidet und dadurch, dass man sich auch in einem stinknormalen Alltag niemand und nichts anderes sehnlicher an die eigene Seite wünscht.

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