GEDANKENSPIELE/Gesellschaft & Soziales

#refugeeswelcome, aber …

Seit Wochen dominiert ein Thema die Medien. Egal ob man den Fernseher oder das Radio andreht, am Morgen die Zeitung aufschlägt oder online kurz die Nachrichten checkt: Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Sie sind überall. Und sie kommen in Scharen. Über das Mittelmeer. Täglich Tausende an den Grenzübergängen. In Zügen. Mit Schleppern. Zu Fuß. Dazwischen mal die, die es nicht schaffen: angeschwemmte Leichen am Strand oder übereinandergestapelt in einem abgestellten LKW. Dann wieder: überfüllte Bahnhöfe, Zeltstädte, Turnhallen. Eingeblendet auch immer wieder jene Menschen, die helfen, die den Ankommenden Essen anbieten und sie mit warmer Kleidung versorgen. Jene, die ein Lächeln schenken und ein offenes Ohr haben. Gezeigt werden aber auch besorgte Bürger, die hetzende rechte Meute und in Brand gesteckte Flüchtlingsheime.

Ein Flüchtlingsthema reiht sich ans nächste. Flüchtlinge am Titelblatt, in der Berichterstattung, in den Kommentaren, Meinungen und Leserbriefen. Totale mediale Überforderung. Überraschung: anscheinend sind nicht alle Flüchtlinge nett. Manche sollen gar undankbar sein und ein unverschämtes Verhalten an den Tag legen. Lassen ihren Müll liegen, randalieren und beschimpfen Polizisten. Hört man so. Ebenso, dass sie oft gar keinen so armen Eindruck machen. Sie kommen her, sind bekleidet mit Markenklamotten, tragen fette Uhren am Handgelenk und haben ein schickes Smartphone in der Hand. Komisch, überlegt man sich, so ein Flüchtling hat doch alles hinter sich gelassen, ist wochenlang geflohen – da sollte er doch wenigstens ein bisschen dreckig aussehen. Das müssen Wirtschaftsflüchtlinge sein! Was wollen die bei uns? So viel haben wir auch wieder nicht, dass wir alle durchfüttern können. Ja, die aus Syrien, die können selbstverständlich bleiben. Na klar, die kommen ja auch aus dem Krieg und da sind wir – politisch korrekt – betroffen. Aber diese Flüchtlingswelle an sich, die da gerade passiert, diese Menschenflut, eine regelrechte Völkerwanderung, das ist uns irgendwie zu viel. Das können nicht nur Menschen sein, die vor Krieg und politischer Verfolgung fliehen. Der Eindruck: das sind Milliarden, die da kommen. Die Reaktion: Panik!

Wo soll uns das alles denn noch hinführen? Mindestens die Hälfte kommt aus sicheren Herkunftsländern. Schnell abschieben um Platz für die wirklich Bedürftigen zu schaffen, werden Stimmen laut. Schließlich kann nicht jeder einfach zu uns kommen und auf unsere Kosten leben. Während die Flucht aus politischen Gründen eine objektive Ordnung widerspiegelt, die unsere zivilisatorische Überlegenheit bestätigt, haftet der Flucht aus wirtschaftlichen Motiven reichlich Negatives an. Wer aus wirtschaftlichen Gründen sein Heimatland verlässt, dem wird nicht zugestanden, dass es keinen anderen Ausweg gab. Nein, der verhält sich in unseren Augen egoistisch, der nutzt die aktuelle politische Situation, unsere Gastfreundschaft und unser Sozialsystem aus. Im schlimmsten Fall bekommt er nämlich nicht nur staatliche Zuwendungen, sondern wird in ein paar Jahren auch noch zur Konkurrenz am Arbeitsmarkt. Deswegen mögen wir ihn nicht, den Wirtschaftsflüchtling.

Damit habe ich ein Problem und zwar ein großes! Denn mal außer Aucht gelassen, dass die Unterscheidung von politischer und wirtschaftlich motivierter Flucht ohnehin fragwürdig ist, unsere Wirtschaft historisch betrachtet durch Wirtschaftsflüchtlinge mehr Gewinn als Verlust gemacht hat und das vermutlich auch zukünftig tun wird, frage ich mich wirklich, was verwerflich daran sein soll aus elenden Verhältnissen zu entfliehen, um an einem anderen Ort ein besseres Leben anfangen zu können?

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Ferne ist eine der ältesten Triebfedern der Menschen. Das Streben nach Glück ist nach amerikanischem Verständnis schon lange ein Menschenrecht. Bei uns scheint eine solche Motivation nach wie vor bei vielen auf Unverständnis zu stoßen und ökonomische Fluchtmotive werden in der Regel zu niedrigen Beweggründen degradiert. Das geht beim besten Willen einfach nicht in meinen Kopf. Ich finde die Suche nach besseren Lebensbedingungen und das Entkommen aus wirtschaftlicher und sozialer Aussichtslosigkeit ist legitim. Viele Flüchtlinge, nicht nur die aus Kriegsgebieten, sind von Ausbeutung, Elend und Hunger betroffen. Kein Mensch flieht aus Freude und Spaß an der Sache. Wer aus seiner Heimat flieht, alles hinter sich lässt und dafür wochenlang unmenschliche Strapazen auf sich nimmt, um ein Leben unter besseren wirtschaftlichen Bedingungen beginnen zu können, dem kann es davor einfach nicht „eh auch ganz ok“ gegangen sein.

Wir müssen endlich begreifen, dass es kein Privileg ist, in einem Land wie Österreich oder Deutschland geboren zu sein, sondern reine Glückssache. Die Armen sind arm, weil die Reichen reich sind. Und solange wir daran nichts ändern, ist es einfach nur zynisch, Menschen, die ums Überleben und um verbesserte Lebensumstände für sich und ihre Familien kämpfen als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abzustempeln, abzuwerten und auszugrenzen.

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