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Conclusio zu Essena O’Neill


In der Social-Media-Welt wird momentan über fast nichts anderes gesprochen als über Essena O’Neill. Vermutlich sind die meisten von euch in den letzten 48 Stunden schon mit ihrer Geschichte konfrontiert worden. Deswegen hier nur die Kurzfassung: die 19-jährige Australierien ist ein Instagram-It-Girl mit hunderttausenden Followern auf Instagram, Youtube, Pinterest, Snapchat und Co., als sie mit der Begründung, dass es sich dabei um eine perfekt inszenierte Scheinwelt handle, beschließt Social Media den Rücken zu kehren. Ihr letztes Youtube-Video, das mittlerweile gelöscht wurde, erreicht dennoch innerhalb kürzester Zeit über eine Million Views. Sie spricht darin über den immensen Inszenierungsaufwand, der hinter vermeintlichen Instagram-Schnappschüssen steckt und über den damit verbundenen Druck, dem sie zukünftig nicht mehr standhalten möchte. Sie hat keine Lust mehr darauf online ihr so perfekt scheinendes Leben zu präsentieren, während sie selbst von Tag zu Tag unglücklicher wird, weil sie sich immer mehr von Zahlen in Form von Likes, Followern und Seitenaufrufen abängig macht.

Ich kannte Essena, bevor ihre Story dank zahlreicher Online-Medien, Magazine und Blogs wie ein Lauffeuer verbreitet wurde, nicht. Dennoch kennen natürlich die allermeisten von uns, die Social-Media und insbesondere hin und wieder auch Instagram nutzen, Accounts wie den ihren nur allzu gut. Essenas Geständnis war daher ehrlich gesagt kein großer Schock für mich. Denn: dass die von Kopf bis Fuß durchgestylten Beiträge der Instagram-Elite selten spontan entstehen, sondern bis ins kleinste Detail perfekt geplant sind, sagt meiner Meinung nach jedem denkenden Menschen der gesunde Hausverstand. Auch das viele mit den sorgsam komponierten Bildchen durch Produktplatzierungen und Kooperationen sehr viel Geld verdienen ist nun wirklich nichts Neues. Seine eigene Person auf Social Media zu vermarkten ist nämlich für manche Menschen tatsächlich ein erstrebenswerter Full-Time-Job oder zumindest eine nette Nebenerwerbsquelle. Was man davon halten mag, bleibt jedem selbst überlassen. Sicher ist jedoch: dahinter steckt verständlicherweise mehr Arbeit und Fleiß als Zufall, natürliche Schönheit oder gar gottgegebene Perfektion.

Instagram ist vieles, aber vor allem in der Form, wie sie von Stars wie Essena einer geworden war, betrieben wird eines nicht: authentisch. Um über soziale Medien eine perfektionierte Darstellung seiner Selbst zu erschaffen, muss man allerdings kein Instagram-Model mit einer halben Million Follower sein. Auch Normalos mit  fünf bis fünfhundert Followern können das ziemlich gut. Ich denke, es ist nur menschlich, dass man lieber die schönen Seiten und Aspekte des Lebens teilt und sich auch diese bei anderen gerne ansieht. Das ist kein neues Phänomen. Nicht nur Klatsch- und Tratschmagazine, die Mode-und Modelbranche, sondern auch ganz Hollywood lebt davon, dass die Menschheit sich gerne an der Illusion von Perfektion orientiert. Gefährlich wird es, wenn man sich wie Essena darin verliert, denn besonders viel Tiefgang oder einen höheren Sinn findet man in solchen Lebensbereichen eben eher selten.

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Social Media hat Essena süchtig und im Endeffekt krank gemacht. Klar, dass sich alle großen Medien auf diese dramatische Geschichte stürzen. Es ist wirklich spannend zu sehen, welcher Hype um etwas (social media isn’t real – nanonana) gemacht wird, das im Grunde genommen doch alle ohnehin schon wissen. Logisch aber auch, dass natürlich Essenas „Kolleginnen“ weltweit auf ihren Ausbruch reagieren müssen. Viele supporten Essena. Manche stehen für mehr Realität auf Instagram ein und sind jetzt eine Weile total „real“, wieder andere thematisieren die grundsätzliche Problematik nicht gekennzeichneter Sponsered Posts oder fordern uns auf generell etwas mehr darüber nachzudenken, was die Medien mit uns und wir mit ihnen machen.

Man kann sagen, Essena ist jung und konnte ihren Ruhm daher einfach nicht besser händeln. Nach mehreren Jahren, in denen sie nur für bravurös inszenierte Lebensausschitte gelebt und sich lediglich über ihr berühmtes Online-Ich definiert hat, ist sie nun erwacht und hat aufgezeigt, was sie selbst erst durchschaute, als sie es am eigenen Leib erfahren musste: das augenscheinlich perfekte Leben dauerglücklicher Menschen ist eine kreierte Kunstwelt und wir alle sind auf Social Media mehr oder weniger ein Fake. Es ist gut, dass sie das nun sieht. Ich glaube, dass sie vor allem für Teenager-Mädchen diesbezüglich eine Vorbildfunktion einnehmen kann, weil sie ganz unverblümt die Schattenseiten hinter einem Leben, dass für viele ihrer Followerinnen unheimlich erstrebenswert scheint, zeigt.

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Aber nicht alle Reaktionen auf Essena sind so positiv, wie die irgendwelcher Teeniemädchen, die sich nun endlich verstanden fühlen und unglaublich erleichtert sind, dass Essena ungeschminkt und mit verwuschelten Haaren nicht anders aussieht, als das was sie ist: eine noch sehr junge, ziemlich verunsicherte Frau auf der Suche nach Sinn und vor allem auch nach sich selbst. Als eine der wenigen Bloggerinnen mit großer Reichweite hat sich Nike Jane getraut das ganze Theater rund um Essena zu kritisch zu betrachten. Sie zeigt sich irritiert von der Conclusio Social Media und seine Funktionsweisen an sich für Essenas persönliches Drama verantwortlich zu machen und zitiert, um zu zeigen das Social Media im Zusammenhang mit Selbstdarstellung eben nicht immer nur ein reines Teufelswerk ist, sondern auch emanzipatorisches Potential hat, Edition F: „(…) Diese Wettbewerbe um „Likeability“ sollte man jedoch nicht ausschließlich negativ sehen: Denn das Netz ist unglaublich vielfältig ist und es ergeben sich zahlreiche Communitys, in denen Schönheit jenseits gängiger Normen neu definiert wird und somit das Selbstbewusstsein von Menschen gestärkt werden kann, die in ihrem natürlichen sozialen Umfeld ausgegrenzt wurden. Viele Feministinnen betrachten die Selfie-Kultur daher als etwas, das sich positiv auf das Leben von Mädchen auswirken kann. Kann (…)“

Dem kann ich nur zustimmen. Denn ja, auf Social Media betreiben wir ein Selbstdarstellungsspiel der Extraklasse. Genau das bietet aber auch jedem Menschen die Möglichkeit sich so präsentieren, wie er es gerne möchte. Jeder kann selber entscheiden, was er von sich preisgibt und was er mit der Community teilt und das ist, wenn wir mal ehrlich sind, doch eigentlich schön, weil Garant für Vielfalt schlechthin. Und nein, da macht es für mich nun mal keinen Unterschied, ob sich eine langbeinige blonde Schönheit am Sandstrand räkelt oder sich ein dickes Mädchen dem gängigen Schönheitsideal zum Trotz ungeschminkt und in geblümter Oma-Unterwäsche fotografiert, ob du mit deinen Freunden im Urlaub bist und ein Gruppenbild mit dem Eiffelturm im Hintergrund postest oder du ein Selfie mit dem syrischen Flüchtling, den du bei deiner Schicht in einer Notunterkunft kennengelernt hast, online stellst. Denn: andere Menschen werden sich immer ein Bild von dir machen und beziehen dafür eben alle Informationen ein, die sie dafür kriegen können. Wir sollten also vor allem dafür sorgen, dass die Menschen, die uns wirklich wichtig sind, uns oft genug zu Gesicht bekommen, um uns für unsere Persönlichkeit und gemeinsam verlebten Stunden zu schätzen und nicht (nur) dafür, dass wir täglich unsere Social Media-Accounts mit ästhetisch anspruchsvollem oder intellektuell herausragendem Inhalt versorgen. Deswegen plädiere ich dafür, Essenas Geschichte für uns alle – auch für die vielen ach so medienkompetenten Menschen unter uns – ein Reminder werden zu lassen. Ein Reminder dafür, dass wir neben dem ganzen Social-Media-Gedöhns nicht zu leben vergessen, uns ganz bewusst Auszeiten nehmen und uns auf das echte Leben konzentrieren, denn das hat und wird sich glücklicherweise niemals ausschließlich vor beziehungsweise in einem Bildschirm abspielen.

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2 Kommentare zu “Conclusio zu Essena O’Neill

  1. Ich finde ihren Schritt auch absolut richtig und vor allem mutig, ein mittlerweile doch so heikles Thema wie das der Selbstinszenierung so öffentlich zu machen. Für mich absolut vorbildlich und ich würde mir wüschen, dass vielleicht gerade die Mädels aus der jüngeren Generation vielleicht zum Nachdenken angeregt werden. Selbstinszenierung ist nicht alles im Leben…

  2. Pingback: Rückblick November 2015

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