Generation Y/Liebe & Freundschaft

Die Krux der digitalen Liebe

Früher lernten sich paarungswillige Menschen in der Regel über Kontaktanzeigen kennen – eine Tradition, die im Übrigen vor mehr als 300 Jahren entstanden ist. Konkret wurde die erste Heiratsannounce am 19. Juli 1695 in einem vom Londoner Verleger John Houghton herausgegebenen Wochenblatt veröffentlicht. Sie lautete „Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von ca. 3000 Pfund“, und empörte die entsetzte Leserschaft in ihrer Neuartigkeit so sehr, dass es noch ein ganzes Jahrhundert dauern sollte, bis Kontaktanzeigen in Liebesdingen und Herzensangelegenheiten nicht nur etwas Alltägliches sondern sogar richtig populär wurden.

In der heutigen Zeit, in welcher ständig neue Datingapps aufploppen, haftet simplen Kontaktanzeigen allerdings etwas Antikes an. Das ist fast schon so altmodisch wie dem Angebeteten einen Liebesbrief zu schreiben, wenn es doch viel einfacher ist, auf Facebook sein neues Profilbild zu liken, ihn anzustupsen oder den schönen Unbekannten auf Tinder nach rechts zu wischen.

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Wer also auf der Suche ist, der nutzt dafür immer häufigiger das Internet. Mehr und mehr Menschen verwenden Apps und Dating-Plattformen um sich kennenzulernen und zu verabreden. Jeder zweite Single im deutschsprachigen Raum lässt sich, wenn er nicht aktiv sucht, zumindest online finden. In einer Zeit, in der 24/7-Jobs nichts Ungewöhnliches sind und ein Workaholicdasein unter Dauerstress einen gewissen Coolnessfaktor mit sich bringt, bleibt schließlich einfach nun mal immer weniger Zeit für ein Kennenlernen „auf natürlichem Weg“. Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat das Internet das Daten an sich nicht nur vereinfacht und die Kontaktaufnahme und -pflege beschleunigt, sondern das Netz hat das Flirten an sich regelrecht revolutioniert. Denn modernes Flirten passiert in schriftlicher Form über mobile Endgeräte ganz einfach nebenbei und häufig mit mehreren Personen gleichzeitig.

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Die grenzenlose Auswahl bringt dabei eine große Freiheit mit sich. Im Onlinedating-Universum herrscht nicht selten scheinbar die Qual der Wahl. Diese Chance birgt allerdings auch das Risiko in sich, eine geeignete Person, zu Gunsten anderer, die gerade online kommen und die interessanter wirken, aufmerksamkeitstechnisch zu vernachlässigen. Noch mehr als im realem Leben übersieht man nämlich gerne mal, was direkt vor der Nase liegt. Mein Freund F. beispielsweise schrieb auf Tinder täglich beinahe mehrmals mit mehreren unterschiedlichen Damen. Er traf sich laufend mit attraktiven Frauen und machte dabei viele zwischenmenschlich interessante Erfahrungen. Hin und wieder hatte er auch den einen oder anderen One-Night-Stand und mit Sicherheit immer jede Menge Spaß. Bis zu einem Treffen mit dem Mädchen hingegen, mit welchem er mittlerweile fix zusammen ist, dauerte es aus anfänglich mangelndem Interesse beiderseits relativ lange. An besagtem Abend, erzählen die Beiden heute lachend, trafen sie sich eigentlich nur, weil ihr schrecklich langweilig war und ihm ein Kumpel abgesagt hatte.

Mein Freund F. und seine Freundin stehen dazu, sich online kennengelernt zu haben. Damit stehen sie aber ziemlich alleine da, denn obwohl sich mittlerweile immer mehr Paare online kennenlernen, haftet dem für viele offenbar nach wie vor etwas Negatives an. Dabei betrachten es diversen Studien und Umfragen zufolge immer mehr Menschen als den Königsweg schlechthin nicht nur die eine oder andere Affäre, sondern, wenn es sich ergibt, auch ihren zukünftigen Partner auf virtuellem Weg zu finden. Während es aber mehr als plausibel klingt einen One-Night-Stand online klarzumachen, haftet der Vorstellung über Tinder und Co. auf die Liebe seines Lebens zu treffen etwas Naives an. Deswegen hofft man darauf in der Regel eigentlich nur im Stillen. Dabei ist es im gegenwärtigen Zeitalter eigentlich wirklich nichts Abwegiges auch eine feste Beziehung online zu suchen. Wir lesen online die Nachrichten, kaufen ein und suchen im Internet oder über Apps nach den besten Restaurants – warum also nicht auch nach einem Menschen zum Gernhaben auf längere Sicht und nicht nur für gewisse Stunden zu Zweit?

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Das einzige was noch befremdlicher anmuten würde, wäre es vermutlich die Person, die man ins Auge gefasst hat, einfach anzusprechen. Am Campus, in der Lieblingsbar oder an der Wursttheke im Supermarkt um die Ecke – wo man sie eben trifft. Doch jetzt mal ganz ehrlich: wer macht so etwas eigentlich noch? Wer traut sich schon in einem Kontext, der nicht ursprünglich dafür vorgesehen ist, jemanden anzusprechen, einfach mal zu sagen: „Hey, ich finde dich irgendwie cool, du hast schöne Augen und ein tolles Lachen. Wollen wir mal was trinken gehen?“ Solche Situationen werden zunehmend seltener und es haftet ihnen außerdem etwas beinahe tabuhaftes an.

Gesucht wird also da, wo alle auf der Suche sind: im Online-Datinguniversum. Vor allem wer nicht nur seine nächste Affäre, sondern etwas Fixes online sucht, hofft darauf, sich nicht nur jede Menge Zeit, sondern auch den einen oder anderen Korb zu ersparen. Denn: wer die entsprechende App installiert hat, ist gewillt jemanden kennenzulernen und auf der Suche – vielleicht nicht immer nach der großen Liebe, aber in jedem Fall nach neuen Bekanntschaften und menschlicher Nähe, in welcher Form auch immer. Was dabei genau gesucht wird, kann ja vorher im Austausch miteinander geklärt werden. Wer unverbindlich bleiben möchte, fällt für alle die nach einem festen Partner suchen dann eben aus dem Raster. Ein weiterer Effizienzvorteil: miteinander schreiben kann prinzipiell nur, wer sich vorab gegenseitig ein OK gegeben hat. Die Bekanntschaft, die vielleicht der zukünftige Partner wird, kann also nach gezielten Selektionskriterien ausgewählt werden. Die Spreu vom Weizen trennt sich so relativ schnell und im Endeffekt bekommt man etwas das im Großen und Ganzen den eigenen Vorstellungen entspricht.

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Mit dieser Einstellung ging auch meine Freundin B. an die Sache heran. Über mehrere Wochen schrieb sie mit ihrer neuen Onlinebekanntschaft hin- und her, ehe sie sich bereit erklärte sich mit diesem zu treffen. Sie schrieb vorab so lange mit dem Typ, um sich sicher sein zu können, dass dieser es auch ernst mit ihr meine. Dass sie an seiner Aufrichtigkeit so ihre Zweifel hatte, lag in erster Linie an seiner übertrieben charmanten, beinahe schon schleimigen, Art und seinem unglaublich guten Aussehen. Er entsprach ihren Vorstellungen fast zu gut, um wahr zu sein. Denn: der über eine Datingapp gefundenen Kerl war nicht nur ein Familienmensch mit vielen Freunden, sonden auch Sportler und Model von Beruf. Er hatte daher einen entsprechend durchtrainierte Luxuskörper vorzuweisen, wie er auch über das Versenden entsprechender Bildchen eifrig zu demonstrieren nicht müde wurde. Obwohl meine Freundin eigentlich keine eingebildeten Menschen mag, steht sie nunmal aber auf gut aussehende und sportliche Männer mit einer – wie sie das gewisse Fünkchen Eitelkeit nannte – gesunden Portion Selbstbewusstsein. Konkret heißt das: sie hatte trotz oder gerade wegen der vor den realen Treffen ausgetauschten Oberflächlichkeiten Blut geleckt. Ohne dass sie es selbst bemerkte, steigerte sie sich in die sich virtuell anbahnende Beziehung extrem hinein und träumte insgeheim bereits davon, den Schönling zum Vater ihrer zukünftiger Kinder zu machen. Dass das Treffen nicht besonders gut lief, da sich meine Freundin in einer Phantasievorstellung verrannt hatte, die sich mit der realen Person kaum mehr in Zusammenhang bringen ließ, muss ich wohl nicht ausführlicher erläutern.

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Denn: die Tatsache allein, dass man sich eine Person ausgesucht hat, die rein theoretisch zu einem passen müsste, ist eben noch lange keine Garantie dafür, dass sie es auch tut. Selbst wenn man sich vor dem realen Kontakt mit der auserwählten Person – die nicht nur die richtige Haarfarbe und Körbchengröße hat, sondern wie man selbst auch Hunde liebt und Spinat hasst – sicher ist, dass alles stimmt, kann ein Treffen diese Ansicht sehr schnell revidieren. Die zuvor gefühlte „connection“ bringt nämlich nun mal leider nichts, wenn man sich – blöd gesagt – nicht riechen kann. Das ganze tiefsinnige Hin-und Hergeschreibe, das Sich-Abtasten, Auschecken und für ein Treffen würdig zu befinden, kehrt sich schrecklich schnell in das genaue Gegenteil um, wenn man es nicht ausstehen kann, wie das Gegenüber sich bewegt, die Nase rümpft und wie dessen Lache klingt.

Das Problem ist allzu oft, dass wir tatsächlich glauben die Liebe kontrollieren zu können. Wir glauben zu wissen, was wir wollen und haben ziemlich fixe Vorstellungen davon im Kopf, wer für eine Beziehung geeignet sein könnte und wer nicht. Je länger wir suchen, desto dichter wird die Vorstellung davon, wie die auserwählte Person zu sein hat, wie sie uns behandeln wird und wie es sich anfühlen muss, wenn wir mit ihr zusammen sind. Haben wir online jemanden entdeckt, scheint schnell klar zu sein, ob der Kandidat in die Kategorie „Affäre“ oder „Beziehungsmaterial“ fällt. Platz für Spontanität, etwas Neues und ein Umdenken ist mit unserer kalkulierenden Art nicht vereinbar. Und während sich die Liebe über mathematische Algorithmen weiter verbürokratisiert und nach und nach ihren Zauber verliert, zocken wir ein kontrolliertes und möglichst gefühlsfreies Spiel auf Zeit. Und während wir uns abgeklärt und illusionsfrei geben und dementsprechend agieren, hoffen wir über die wahre Liebe und den einen besonderen Menschen zu stolpern – und ich kann mich wahrlich nicht entscheiden, ob das der wohl erdenklichste Irrsinn aller Zeiten oder die romantischste Geste, die die Gegenwart zu bieten hat, ist!

2 Kommentare zu “Die Krux der digitalen Liebe

  1. Ich kann dem ganzen Post nur zustimmen. Ich habe vor 4 Jahren übers Internet 3 Typen gedatet. Nummer 1: der zu Hübsche, der nur Sex wollte, Nr. 2 sah ganz anders aus als auf den Bildern (gut geknipst) und wollte einfach nur um jeden Preis wieder eine Freundin haben und dann Nr. 3… mit dem ich erst 2 Monate gechattet habe obwohl wir nur 20 min auseinander wohnten und den ich in einem halben Jahr heirate :)
    Ab und zu muss man ein paar Frösche küssen. Die Faustregeln bzw. Klischees was die Männer angeht stimmen zwar in den meisten Fällen, aber es gibt auch immer noch DIE Ausnahme und so lange eine Chance darauf besteht diese Ausnahme zu finden, lohnt sich das Froschgeknutsche ;)

    • Oh da gratuliere ich dir aber ganz herzlich zur Verlobung. Schön zur Abwechslung wiedermal von einer Internet-Love-Story, die gut ausgeht, zu hören :)

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