GEDANKENSPIELE/Gesellschaft & Soziales

Alle Jahre wieder …

Schleichen sich ab Ende August, spätestens in jedem Fall mit Mitte September, die ersten Lebkuchenvariationen und Spekulatiuskekse in die heimischen Supermarktregale, ist klar: Weihnachten naht! Das Fest der Feste eilt zwar mit riesigen Schritten heran, ist aber dennoch eine kleine Ewigkeit weit entfernt. Im letzten Jahr hat man sich geschworen, dieses Mal mit allen Vorbereitungen wirklich früh genug anzufangen. Geschenke werden idealerweise schon unter dem Jahr besorgt, Anfang November wird der Adventskalender für den Liebsten befüllt, es werden die ersten Kekse der 25 Sorten, die man sich vorgenommen hat, gebacken und Weihnachtsplaylisten werden erstellt. Vor allem aber steht am ersten Adventssonntag der selbstgemachte Kranz fix und fertig inmitten der liebevoll mit dem glitzrigsten Kitsch dekorierten Wohnung und wartet nur darauf, dass die erste Kerze entzündet wird.

Soweit der Plan! Aussehen tut die Realität dann leider wieder anders. Surprise-surprise! Wie all die Jahre zuvor findet man sich nämlich Mitte Dezember erneut im weihnachtlich überfüllten Kaufhaus des Vertrauens ein und hetzt auf der Jagd nach den noch zu besorgenden gefühlten 100 Geschenken von Geschäft zu Geschäft. Während man vom überteuerten Punschtrinken mit den Arbeitskollegen zum Tanne kaufen eilt,  fragt man sich verzweifelt, wo die Zeit nur geblieben ist, warum dieser verdammte letzte Monat des Jahres nicht endlich mal besinnlich ablaufen kann, welche Nachspeise es am heiligen Abend denn nun werden soll und wo zum Teufel man jetzt im alten Jahr noch das Treffen mit dieser einen guten Freundin, die man immer auf später vertröstet, unterbringen soll.

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Es ist soweit: die Jahresendschlusspanik hat uns fest in ihren Fängen. Auf die Frage „Wie geht’s?“ kriegt man nur noch ein „Oh Gott! Ich sage dir, ich bin ja so im Stress“ zu hören und antwortet auch selbst nichts anderes mehr. Denn auf der imaginären To-Do-Liste warten noch unendlich viele Punkte darauf abgehakt zu werde. Weihnachten muss organisiert werden, der Abend selbst und überhaupt, wann ist man bei den Großeltern, wann bei den Schwiegereltern und eigentlich könnte man bei der Gelegenheit auch gleich mal die Kusine, die kürzlich ihr erstes Baby gekriegt hat, besuchen. Zeit um sich zu erholen bleibt wenig – manche schaffen es anscheinend dennoch. Also bewundert man die Leute, die ihr Leben besser im Griff haben und spätestens,  wenn eben diese erzählen, dass sie das Wochenende vor Weihnachten im Spa verbringen und  den 24. mit einem gemütlichen Weihnachtsbrunch im Lieblingscafé starten, frisst einem nicht nur der Neid, sondern man fragt sich ganz ernsthaft: „Was mache ich nur falsch?“

Gerne wird man nun wütend auf sich selbst. Wieder alles in letzter Minute. Warum hat man sich nicht einfach mal früher gekümmert? Wieso muss man ständig alles aufschieben? Man fühlt sich schlecht, denn man hat versagt und der Frust darüber ist groß. Innerlich freut sich der eine oder andere daher bereits darauf, wenn der ganze Trubel vorbei ist. Das darf man aber nicht laut aussprechen, ohne Gefahr zu laufen, den Grinch-Stempel aufgedrückt zu bekommen. Aber genau darin liegt das eigentliche Problem: am Zwang, den wir verspüren in dieser Zeit perfekt organisiert, gut gelaunt und ausgeglichen zu sein sowie am Druck, den uns die Einfälle nach orginellen Geschenken und kreativen Menü-Kompositionen abverlangen. Menüs, die uns so überfüllen, dass wir mit noch drei lästigen Kilos mehr ins Neujahr starten und Geschenkideen für Leute, die wenn wir mal ehrlich sind, ohnehin alles, was sie wirklich brauchen, besitzen oder selbst kaufen können.

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Klar für seine Lieben am heiligen Abend kochen und sie beschenken ist schön, aber noch viel schöner ist es zu bekochen und zu beschenken, weil man möchte und nicht in erster Linie deshalb, weil man sich an Weihnachten dazu verpflichtet fühlt. Daran, dass wir uns zu irgendwas verpflichtet fühlen, sind wir selber Schuld. Klar Weihnachten hat viel mit Tradition zu tun und alles was man mit der Adventszeit verbindet, hat sich in unserer Gesellschaft im Laufe der Jahre eben einfach so eingebürgert. Aber: das ist noch lange kein Grund das Ganze nicht auch mal etwas kritischer zu betrachten, auf den Tisch zu klopfen und zu sagen: nein, dieses Jahr machen wir es mal anders, wir lassen die Geschenke ausfallen oder setzen auf Eierreis vom Asiaten statt gefülltem Braten mit Rotkraut und Knödel. Wir spielen in diesem ganzen Chaos heuer mal nicht mit, schrauben unsere Ansprüche herunter und freuen uns stattdessen einfach mit unseren liebsten Menschen einen unkomplizierten Abend zu haben. Denn, horcht man nur mal ordentlich in sich hinein, so weiß man, dass Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen das Wertvollste ist, was einem das Leben zu bieten hat, darin der wahre Sinn von Weihnachten liegt und niemand dafür Vanilleduftkerzen oder drei Monate im Voraus „Last-Christmas“-Dauerbeschallung braucht.

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